Mein Zimmer bei Gropius – Seite 1

Der Raum zwingt zur Effizienz. Till Raether bemerkt an sich einen neuen Hang zur Ordentlichkeit. Sogar seine Kleidung legt er im Schrank auf Kante, wie zuletzt 1979 im Schullandheim. © Natalie Kriwy für MERIAN

Bevor wir übers Bauhaus reden, müssen wir über alles reden, was nicht Bauhaus ist, denn wir leben im Spannungsfeld zwischen beidem: der Welt, wie sie ist (nicht Bauhaus), und der Welt, wie sie sein sollte (Bauhaus).

Hotelzimmer sind selten Bauhaus. Aber Hotelzimmer machen was mit einem. Sie lassen einen der sein, der man vielleicht gern wäre. Oder sie zeigen einem, wer man wirklich ist. Meist ist bei mir das Zweite der Fall: Mein Hotelzimmer-Ich ist deutlich hemmungsloser als mein Zuhause-Ich. Nie würde ich zu Hause meine Sachen über den ganzen Raum verteilen, sobald ich durch die Tür getreten bin. So gut wie nie gehe ich zu Hause nachts an den Kühlschrank und esse Schokoriegel, Nüsschen und kalte Gummibärchen und spüle sie hinunter mit irgendeinem Alkohol, der mir gerade in die Hände fällt. In Hotelzimmern gehört beides zu meiner Persönlichkeit, die Unordnung und die Gier, zusammen mit der Tendenz, das Bad zu überschwemmen und alles aufzureißen, was die Hotelerie eingeschweißt und verschraubt hat, vom Bodylotion-Tiegelchen bis zur Duschhaube. Zwar räume und wische ich pflichtschuldig ein wenig auf, bevor das Zimmer gemacht wird. Aber ich sehe doch: So bin ich also.

Was aber zeigt einem eine Nacht in einem Bauhaus-Zimmer? Das Dessauer Bauhaus-Gebäude wurde 1925/26 nach Plänen von Walter Gropius errichtet. Im Ateliergebäude gab es 28 Wohnateliers für Studierende und Jungmeister, wie man das nannte. Nun handelt es sich bei diesen ehemaligen Wohnateliers nicht um Hotelzimmer im klassischen Sinne. Es gibt keinen Room-Service, keine Minibar, die Rezeption ist in der Verwaltung der Bauhaus-Stiftung. Klo und Bad und die Teeküche, in der schon die Bauhaus-Schülerinnen und -Schüler standen, sind auf dem Gang. Aber man kann hier für relativ kleines Geld übernachten, wenn man sich Dessau und natürlich vor allem die Bauhaus-Anlage anschauen möchte, und jedes Zimmer ist mit Möbeln und in einer Art und Weise eingerichtet, die bauhaus-inspiriert sind.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2018 © MERIAN

Das zentrale Prinzip lautet, dass die Form der Funktion folgen soll: Es gibt keine Ornamente an den Möbeln, keinen Schmuck an den Wänden. Die Linien sind klar, bei jedem Gegenstand und jedem Gebäude sieht man genau, was welchem Zweck dient und wie es funktioniert. Diese am Bauhaus vor allem unter seinem Gründer Walter Gropius geprägte Gestaltungsphilosophie hat Baudenkmäler verursacht, kostbare Möbel in den Ferienhäusern von Zahnärztinnen und in den Bungalows von Architekten sowie eben auch das Zimmer, in dem ich heute schlafen werde. Falls ich schlafen werde. Was macht so ein hyperfunktionales Zimmer mit einem? 

2019 werden sie hier zum hundertsten Gründungsjahr des Bauhauses ein großes Museum eröffnen, nicht weit entfernt, und das Museum wird "Versuchsstätte Bauhaus" heißen. Weil das Bauhaus immer eine "Hochschule mit experimentellem Arbeitsansatz" war, wie sie mir hier erklärt haben. Meine eigene Versuchsstätte Bauhaus heißt Zimmer 21, hat wie alle Atelierzimmer einen kleinen Ostbalkon mit nicht den aktuellen Bauvorschriften entsprechender Geländerhöhe. Den Hinweis habe ich beim Einchecken erhalten und verstanden, spüre ihn jedoch auch von allein in den Beinen.

Das Zimmer ist wie alle anderen rund 24 Quadratmeter groß. Es hat einen bauhausrot, etwa zehn Zentimeter die Wand hochlackierten Fußboden ohne Teppich, was mir auf Anhieb sehr gut gefällt. Insgesamt, das überblickt man schnell, befinden sich ganze elf Gegenstände in diesem Raum, die im weiteren Sinne als Mobiliar oder Wohnaccessoires dienen, letzteres ein Wort, das Walter Gropius sicher gehasst hätte. Es sind dies ein schmales Doppelbett mit klaren Linien und integrierter Ablage am Kopfende, zwei Kopfkissen, eine Decke, eine Steh- und eine Tischlampe, die auf einer schwarzen Holztischplatte steht, dazu zwei ebenfalls schwarze Holz-Freischwingerstühle und ein einfacher Regalschrank, der so platziert ist, das er vom Schreibtisch aus das Waschbecken in der Wand verdeckt.

"Der neue Mensch in seiner Lebendigkeit sollte die Räume füllen"

Zu den elf Gegenständen zähle ich den kleinen rechteckigen Frotteeläufer, den man sich für die Füße vors Waschbecken legt. An diesem Läufer merke ich zuerst, wie der Raum mich beschäftigt und was er mit mir macht. Am Tag einer längeren Zug- oder Flugreise rasiere ich mich immer erst nach der Ankunft, und danach fühle ich mich frisch. Normalerweise brauche ich drei, vier Handgriffe, bevor ich soweit bin,
 aber hier, im Bauhaus-Zimmer, merke ich, dass ich beschäftigter bin als sonst:


Es stört mich, wenn der fipsige Frotteeläufer nicht mittig vor dem Waschbecken liegt, denn dann ist er das Einzige, was die Klarheit des Raumes stört. Ebenso meine Utensilien. Normalerweise donnere ich mein Waschzeug irgendwohin und räume alles auf Ablagen, bis ich das Rasierzeug habe. Hier aber ist gerade genug Ablagefläche für das, was man im Moment wirklich braucht. Das Zimmer zwingt mich zu
Effizienz, und es regt mich zu Ordnung an. Ich räume sogar meinen unschönen Trolley sorgfältig aus und lege das Wenige, was ich dabeihabe, auf Kante in den Schrank, das habe ich zuletzt 1979 im Schullandheim Asse getan, als reisen noch neu und feierlich für mich war.

Tatsächlich sollte mich diese Wandlung, die mit mir vorgeht, nicht überraschen. Eines der einflussreichsten (und derzeit leider vergriffenen Bücher) über das Bauhaus und seine Philosophie stammt von Konrad Wünsche und heißt "Versuche, das Leben zu ordnen". Der Titel beschreibt zwar die schon erwähnte Experimentierfreude der "Versuchsstätte Bauhaus", aber man kann ihn natürlich auch imperativisch lesen: Für mich jedenfalls ist dies die Aufforderung, die das Atelierzimmer mir zuflüstert. Klar, erstmal will es nur, dass ich die Dinge ordne, aber das Bauhaus hat nie eine klare Grenze gesehen zwischen den Dingen und dem Menschen. Einer seiner Vordenker, der Biologe Jakob von Uexküll, beschäftigte sich zur Zeit des Bauhauses mit der Frage, wo der Organismus endet. Seine These, die vom Bauhaus aufgegriffen wurde, lautete, dass die Dinge, die sich organisch ins Leben einfügen, zum Organismus gehören. Heute gibt es ähnliche Thesen, das Smartphone als ausgelagerten Teil des menschlichen Gehirns betreffend, aber von Uexküll meinte eher das, was mit mir im Bauhaus-Zimmer passiert. Meine Umgebung ist so klar, übersichtlich und sinnfällig gestaltet, dass ich das Bedürfnis verspüre, mich ihr anzupassen, um ein Teil von ihr zu werden.

Dies äußert sich erst in meinem Verhalten: Ich lege mich seltsam mittig ins Bett und achte beim Benutzen der Tischplatte darauf, dass alles rechtwinklig liegt. Aber, so hat Thomas Altmann vom "Besucherservice Bauhaus Dessau" es bei der Führung formuliert, die ich erlebt habe: Möbel und Eirichtig sollten im Bauhaus nicht mehr repräsentieren, nur noch funktionieren, "der neue Mensch in seiner Lebendigkeit sollte die Räume füllen". Nun bin ich alles andere als der neue Mensch, aber sehr empfänglich dafür, dass das Zimmer diesen Auftrag an mich hat: es mit Lebendigkeit zu füllen. Dies heißt zwar nicht, dass ich hier in Oskar-Schlemmer-Maske tanzen wollte, aber als wir am Abend noch bei einer Veranstaltung und einem Essen sind, merke ich, dass es mich zurückzieht ins leere Zimmer. Erstens finde ich es schön, zweitens reizt mich die Frage, die es mir durch die Abwesenheit aller Ablenkungsmöglichkeiten stellt: Wer möchtest du sein? Wie lebendig bist du eigentlich?

Die Schönheit kommt erstmal tatsächlich durch die Leere, und vor allem die Leere der Wände: Es ist wie in einer Wohnung, in die man gerade einzieht, und alles ist noch möglich, nur, dass hier der Zustand des Möglichen angehalten worden ist und nicht vorübergehend war, schnell vollgerummelt mit altem Besitztum. Kein Bild hängt an der Wand. Das fällt mir erst bei der Rückkehr ins Zimmer auf. Walter Gropius, erzählt der Bauhaus-Führer Altmann, habe gesagt, er brauche kein Bild an der Wand, die Architektur sei sein Bild. Gropius hat offenbar bei jeder Gelegenheit derlei Sprüche rausgeballert: "Bunt ist meine Lieblingsfarbe", steht auf einer Gropius-Postkarte im Museumsshop.

Die kahle Wand aber hat tatsächlich eine Wirkung: Sie ist Gelegenheit und Einladung, ins Leere zu starren und sich den eigenen Gedanken zu überlassen. Es gibt zwar WLAN, aber das Interesse, sich damit im Sumpf und auf den Wellen zu verlieren, ist bei mir viel geringer als sonst in Hotelzimmern: Ich merke, dass es mir angenehmer ist, mich der Leere des Raumes zu überlassen als der augenbetäubenden Beliebigkeit meiner Surfgewohnheiten.

Wenn du in der Bauhaus-Idee schläfst, wirst du ein Teil von ihr

Bevor es aber zu heilig wird, hole ich mir aus dem Café im Kellergeschoss ein Flaschenbier und setze mich auf den Balkon. Man kann sogar die Beine baumeln lassen, und mich beschleicht der Verdacht, selbst diese heitere Handlungsmöglichkeit könnte hier schon von Gropius mitgedacht gewesen sein. Ein paar Besucher auf Nachbarbalkonen hatten ähnliche Gedanken, wir prosten einander zu.

Es wird dunkel, und im Hochschulgebäude gegenüber brennt noch Licht in ein, zwei Arbeitsräumen, wo junge Menschen sich über Projekte beugen. Auch dies ein schöner Kontrast: Mein Zimmer ist mönchisch, aber man sieht die anderen, wie sie ebenfalls noch nicht schlafen, also ist man nicht allein. Ich lege mich ins Bett und merke, dass ich das Zimmer und meinen Kopf nicht mit einer fremden Geschichte füllen möchte. Also lege ich mein Buch weg und gucke an die leeren Wände, die grau geworden sind und bald schwarz.

Ein bisschen hatte ich damit gerechnet, mich einsam und verloren zu fühlen, weil mir das oft in den weichen, schummerigen, unklaren Zimmern der gehobenen Hotelwelt so geht. Aber ich denke an das Zimmer von Marianne Brandt, das als letztes Wohnatelier in einem originalähnlichen Zustand erhalten ist. Brandt war die Leiterin der Metallwerkstatt, berühmt für ihre verblüffend einfachen Kugelleuchten und für die geometrische Teekanne mit dem halbkreisförmigen Griff. Ihr Zimmer ist ein eindrucksvoller Kontrast zu den noch erhaltenen Meisterhäusern, die man fünf Minuten entfernt besichtigen kann, großzügig gelegen unter Kiefern, mit kleinen, aber raffiniert farbveredelten Räumen. Der dunkelgraue Fußboden in Marianne Brandts Zimmer ist von Rissen und Lebensspuren durchzogen, das Bett ist eigentlich nur eine Pritsche, versteckt in einer Nische, die auch als Stauraum dient.

Ganz anders, aber ebenso reduziert und klar wie mein Zimmer, und diese formale Verbindung ist stärker als jede Hoteleinsamkeit: Wenn du in der Bauhaus-Idee schläfst, wirst du ein Teil von ihr, und das ist das Gegenteil von Isolation. Mein Zimmer erfüllt mich mit einer Leichtigkeit, die mich überraschend schnell in einen sehr funktionalen Schlaf gleiten lässt.

Aus dem ich allerdings sehr früh geweckt werde. Von zwei Faktoren. Die Atelierzimmer sind dermaßen nach Osten ausgerichtet, dass die Morgensonne unabblendbar genau auf mein Bett strahlt, durch die Kanten der Vorhänge hindurch. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Gropius das nicht mit Absicht geplant hat, um seine Studentinnen und Studenten früh aus den Betten zu treiben.

Der zweite Faktor ist deutlich prosaischer: das Hämmern der Kulissenbauer, denn ab morgen wird hier ein Fernsehfilm übers Bauhaus in Dessau gedreht. Ich kenne die Geschichte nicht, die darin erzählt werden soll, aber vermutlich endet sie damit, wie die NSDAP das Bauhaus schon 1932 als Schule schloss und aus Dessau vertrieb, weil die Nazis alles hassten, was klar und unkitschig war und einen zum Nachdenken anregte.