Bevor es aber zu heilig wird, hole ich mir aus dem Café im Kellergeschoss ein Flaschenbier und setze mich auf den Balkon. Man kann sogar die Beine baumeln lassen, und mich beschleicht der Verdacht, selbst diese heitere Handlungsmöglichkeit könnte hier schon von Gropius mitgedacht gewesen sein. Ein paar Besucher auf Nachbarbalkonen hatten ähnliche Gedanken, wir prosten einander zu.

Es wird dunkel, und im Hochschulgebäude gegenüber brennt noch Licht in ein, zwei Arbeitsräumen, wo junge Menschen sich über Projekte beugen. Auch dies ein schöner Kontrast: Mein Zimmer ist mönchisch, aber man sieht die anderen, wie sie ebenfalls noch nicht schlafen, also ist man nicht allein. Ich lege mich ins Bett und merke, dass ich das Zimmer und meinen Kopf nicht mit einer fremden Geschichte füllen möchte. Also lege ich mein Buch weg und gucke an die leeren Wände, die grau geworden sind und bald schwarz.

Ein bisschen hatte ich damit gerechnet, mich einsam und verloren zu fühlen, weil mir das oft in den weichen, schummerigen, unklaren Zimmern der gehobenen Hotelwelt so geht. Aber ich denke an das Zimmer von Marianne Brandt, das als letztes Wohnatelier in einem originalähnlichen Zustand erhalten ist. Brandt war die Leiterin der Metallwerkstatt, berühmt für ihre verblüffend einfachen Kugelleuchten und für die geometrische Teekanne mit dem halbkreisförmigen Griff. Ihr Zimmer ist ein eindrucksvoller Kontrast zu den noch erhaltenen Meisterhäusern, die man fünf Minuten entfernt besichtigen kann, großzügig gelegen unter Kiefern, mit kleinen, aber raffiniert farbveredelten Räumen. Der dunkelgraue Fußboden in Marianne Brandts Zimmer ist von Rissen und Lebensspuren durchzogen, das Bett ist eigentlich nur eine Pritsche, versteckt in einer Nische, die auch als Stauraum dient.

Ganz anders, aber ebenso reduziert und klar wie mein Zimmer, und diese formale Verbindung ist stärker als jede Hoteleinsamkeit: Wenn du in der Bauhaus-Idee schläfst, wirst du ein Teil von ihr, und das ist das Gegenteil von Isolation. Mein Zimmer erfüllt mich mit einer Leichtigkeit, die mich überraschend schnell in einen sehr funktionalen Schlaf gleiten lässt.

Aus dem ich allerdings sehr früh geweckt werde. Von zwei Faktoren. Die Atelierzimmer sind dermaßen nach Osten ausgerichtet, dass die Morgensonne unabblendbar genau auf mein Bett strahlt, durch die Kanten der Vorhänge hindurch. Ich halte es für ausgeschlossen, dass Gropius das nicht mit Absicht geplant hat, um seine Studentinnen und Studenten früh aus den Betten zu treiben.

Der zweite Faktor ist deutlich prosaischer: das Hämmern der Kulissenbauer, denn ab morgen wird hier ein Fernsehfilm übers Bauhaus in Dessau gedreht. Ich kenne die Geschichte nicht, die darin erzählt werden soll, aber vermutlich endet sie damit, wie die NSDAP das Bauhaus schon 1932 als Schule schloss und aus Dessau vertrieb, weil die Nazis alles hassten, was klar und unkitschig war und einen zum Nachdenken anregte.