Ein Künstler und der Besitzer des Cafés, in dem sie jeden Tag saß, wurden auf sie aufmerksam und fragten, ob sie auch so ein Postkarten-Abo haben könnten. Sie bekamen eins. Inzwischen kann Sabine Rieker, so sagt sie, von ihren Karten leben. Es sind kleine handschriftliche Kunstwerke, Urlaubsgrüße aus dem Alltag. Hunderten im Heusteig- und Bohnenviertel hat sie schon eine Postkarte geschrieben. Jede einzelne eine kleine Flucht in eine durch und durch analoge Welt. Was Sabine Rieker daran vor allem mag: "Den Weg. Sie nehmen nie den direkten. Ich finde Umwege schön." Am Viertel gefällt ihr die Lage am Hang, "aus jedem Winkel taucht da eine neue Perspektive auf, eine große Weite". Nur eines hat leider überhaupt nicht geklappt, das Ausmisten – ganz im Gegenteil: Mittlerweile hat Sabine Rieker mehrere Tausend Postkarten.

Die Abendsonne lässt das Kopfsteinpflaster der Mozartstraße wie Goldstücke glänzen. Schon bald werden die Schranken geschlossen, die nachts den Verkehr im Heusteigviertel beruhigen sollen. Das ist ein Unikum in der Autostadt Stuttgart, es gibt dann nur einen einzigen Zugang für Autos.

Wer zu Fuß unterwegs ist, sollte hier Umwege machen, um ein Gefühl für den Hang zu bekommen. Prachtvolle Erker beulen sich aus den Häuserfassaden. Gründerzeit-Gebäude neben Jugendstil, dazwischen Bausünden der sechziger Jahre. Ein Haus ist komplett mit Weinreben überwuchert, wechselt mit den Jahreszeiten die Farbe. Vor einem Architekturbüro steht eine Wippbank, eine Art Gruppen-Schaukelpferd
für Erwachsene. Jemand hat eine Handvoll Plastik-Kanarienvögel in den japanischen Schnurbaum auf dem Platz montiert, hoch oben in die Zweige.

Es geht leicht bergauf, man kann nie über die nächste Kuppe schauen. Manche hier erinnern sich noch an die Huperei in den ersten Nächten, damals, 1985, als die Schranken zum ersten Mal geschlossen wurden. Zwischen Mozartplatz und Mozartplätzle, das zwar offiziell nicht so heißt, das aber jeder hier so nennt, war da noch Straßenstrich. Mit den Schranken stoppte man den Freierverkehr. Das Milieu mag keine Umwege.

"Die Animierbars und Laufhäuser hier – mit sowas kann und muss man leben", sagt Heinz Rittberger, 80 Jahre alt. Er ist im Kirchengemeinderat, wohnt im Bohnenviertel, direkt neben der Rotlichtmeile. Jeden Winter wird seine Leonhardskirche sieben Wochen lang zur Vesperkirche für Arme, Einsame, Ausgegrenzte. "Natürlich kommen da auch viele aus dem Milieu." Rittberger wurde in der Leonhardskirche getauft. Er hat sie 1944 brennen sehen, nach Kriegsende den ersten Ruinengottesdienst mitgefeiert.

An den Wochenenden kümmert er sich um die 400 Tauben, die im Dachstuhl leben. Er schleppt Wasserkanister die steile Turmtreppe hinauf, 60 Stufen, tauscht Eier gegen Gipsattrappen. Den Ort hier nennt er "ein Vermächtnis". 1837 hat Albert Knapp, Pfarrer in der Leonhardskirche, den ersten Tierschutzverein Deutschlands gegründet. "Das verpflichtet." Rittberger schaut in den Taubenschlag, die engen Regalfächer, in denen die Tiere auf den Gipseiern brüten, über das Landebrett hinaus Richtung Leonhardsplatz. "Es ist schon eine irre Mischung hier", sagt er, und es ist nicht ganz klar, ob er seine Tauben oder den Rotlichtbezirk meint. Wahrscheinlich alles zusammen.

Gegenüber der Kirche, im Parkhaus Züblin hört man die Motoren der Hauptstätter Straße heraufgrollen. Dabei sind sie weit weg von hier oben, sechs Etagen hoch über dem Bohnenviertel. Das Züblin ist kein normales Parkhaus. Im Erdgeschoss hat sich das Künstlerkombinat "Ebene 0" in einem kleinen Raum festgesetzt. Bei Vernissagen wollen viele dort ihre Jacke abgeben und durch die Tür rein zur Party. Dabei ist hinter der Tür einfach nur das Parkhaus. Aber eins voller Bilder. "Fumes and perfumes" heißt die Reihe, mit der die Künstler die Garage Ebene für Ebene mit riesigen Akt- und Porträtprints bespielen. Eigentlich wollte man nur schnell parken, und auf einmal landet man hier mitten in einer Drive-Through-Ausstellung moderner Fotokunst. Ganz oben auf dem Parkhaus hat die Künstlergruppe ein Urban-Gardening-Projekt initiiert. Sie nehmen das Wort "Park-Deck" wörtlich, haben um die 50 Beete vergeben, an Studenten, Kindergärten, Antiquitätenhändler, Architekten.

Das Züblin, gebaut für das Auto und von der Kunst gekapert, kann man als Bild lesen für das Lebensgefühl dieses Stadtteils. Für das gegenseitige Arrangieren, das Sichbegegnen. Hier kommen Dinge und Menschen zusammen, die sich nicht unbedingt gesucht haben.  Aber sie haben sich gefunden.