Die Katastrophe, ein Glücksfall

Als die Heimsuchung begann, ging Lothar Mies einmal mit Edmund Stoiber spazieren. Sie wanderten den Lusen hinauf, der Ranger und der Ministerpräsident, zusammen mit ein paar Lokalpolitikern und dem Direktor des Nationalparks. Borkenkäfer schauen. Die Delegation stapfte über einen zehn Zentimeter dicken Teppich abgefallener Nadeln. Und sah Hänge voller Baumskelette, wie nach einem Atomschlag. "Wir sagten damals: Was ist mit unserem Wald los? Wo führt das hin?" 

Der Einfall der Borkenkäfer erschütterte den ersten Nationalpark Deutschlands schwer. Als die Käfer Berg um Berg die Bäume abtöteten und die Verantwortlichen nichts unternahmen, schlug die Skepsis vieler Einheimischer in Wut um. "Kaputtgeschützt" betitelte der Stern 1997 einen Artikel zum Thema. Die Alarmisten krakeelten, hier würde nie wieder ein Wald wachsen. "So ein Blödsinn", sagt Mies heute, "was sollte es sonst werden? Ein Tennisplatz?"

Zwei Jahrzehnte später sieht Lothar Mies die Katastrophe als Privileg. Dass er all das miterleben darf: den finsteren Wald von einst, den Zusammenbruch und nun den Neustart. "Jetzt ist die schönste Zeit hier", sagt er.

Lothar Mies sieht ein bisschen aus wie Horst Seehofer, nur jünger und freundlicher. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet er als Ranger. Er führt Gäste, hilft bei der Forschung und passt auf, dass nicht geraucht und gezündelt wird. Selten sind die Fälle, in denen er Personalien aufnehmen muss, wie bei der Nackten, die trotz Verbot im Rachelsee gebadet hatte.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2016 © MERIAN

Wenn er Park-Besuchern die schöne Geschichte von der Wiederauferstehung des Waldes erzählen will, fährt er mit ihnen zum Seelenstieg. Den Rundweg auf Holzboden ließ ein früherer Direktor des Nationalparks genau zu diesem Zweck anlegen: um den Menschen zu zeigen, wie der Wald nach jedem Windwurf und jeder Borkenkäfer-Attacke zurückkommt. Und Verständnis zu erzeugen für das Mantra des Parks: Natur Natur sein lassen. Am Wegesrand stehen Holztafeln mit Zitaten von Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Henry David Thoreau über Zauber und Wert des Waldes. Man braucht sie nicht. Der Verhau, wie Mies es nennt, spricht für sich.

Zwischen bleichen Baumskeletten wächst christbaumhoher Jungwald – Ebereschen, Buchen, Tannen, Fichten, dicht und wild durcheinander. Baumstämme, überzogen von Moosen und Flechten, liegen kreuz und quer, als hätten Riesen Mikado gespielt. Wurzelteller gähnen wie aufgerissene Mäuler, darunter huschen Frösche und Molche durch Pfützen.

Wenn einer der alten Bäume stürze, erklärt Mies, reiße er eine Schneise ins Blätterdach. Auf dieser Lichtinsel beginne sofort die Konkurrenz. Sämlinge stoßen aus der Erde und strecken sich der Sonne entgegen. Der Borkenkäfer hat diesen Effekt millionenfach potenziert. Eine große Stunde null, eine Chance für viele verschiedene Arten und Lebensräume. "Der Borkenkäfer war der Geburtshelfer des neuen Waldes", sagt Mies. "Ja, eigentlich ein Glücksfall. Auch wenn man das nicht so laut sagen darf."

"Der Wald bleibt nie gleich"

Zuvor herrschte weithin Monotonie im Bayerischen Wald. Nach dem großen Sturm von 1870 forstete man großflächig Fichte auf. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurden riesige Plantagen von, genau, Fichten angelegt. Der Brotbaum des Waldbauern – schnell wachsend, günstig, aber arm an Lebensräumen und Arten.

"Die Deutschen wollen ihren Wald sauber und gepflegt", sagt Mies, "dabei ist das Raubbau. Man entzieht ihm Nährstoffe." Gerade das Totholz ist enorm wichtig als Dünger und Lebensraum. Ein Großteil der geschätzten 14.000 Tierarten im Park lebt in den abgestorbenen Bäumen. Der Ranger deutet auf Tannensämlinge, die in einem hohlen Stumpf wachsen, und auf eine dichte Reihe junger Bäume auf einem Stamm. Der verfaulte Mutterbaum speichere Wasser wie ein Schwamm, erklärt Mies, eine ideale Grundlage. "Aber nur die stärksten der Jungbäume werden überleben." Und den anderen das Licht nehmen.

Entlang des Seelensteigs sieht man den Wald in vielen Stadien des Werdens und Vergehens. Anfangs setzt sich wieder die Fichte durch. Aber irgendwann, so die Hoffnung, wird der Bergmischwald die Monokultur verdrängen. "Letztlich", sagt Mies, "will man ja zum Urwald zurück." 

Die Strategie: Nichtstun. Derzeit sind ziemlich exakt zwei Drittel des Nationalparks sich selbst überlassen. Jedes Jahr kommen rund 300 Hektar Wald dazu. Bis 2027 soll die Naturzone drei Viertel des Parks umfassen. Der Mensch greift dort nicht mehr ein. Er ist nur noch Beobachter.

Wenn der Plan aufgeht, sieht der Nationalpark in einigen Jahrhunderten wieder so aus wie an der Mittelsteighütte. "So ein tolles, ursprüngliches Waldbild", sagt Franz Leibl, der Direktor des Nationalparks, "da komme ich ins Schwärmen." Über ihm ragen Baumriesen turmhoch in den Himmel, knorrig und mit einem Bart aus Moos. "Für einen Wirtschaftsforst wären solch alte Bäume ein Verlustgeschäft", sagt Leibl. Dort würden die Fichten schon als Teenager gefällt, mit 70 Jahren.

Dass diese Methusalems stehen bleiben durften, hatte militärische Gründe. Hier war ein Engpass eines der wichtigsten Wege nach Böhmen. Das Kalkül war: Im Falle eines Angriffs aus Böhmen müsste man nur die hohen Bäume umhacken, und schon wäre die Straße blockiert.

Diese Strategie erweist sich heute als Geschenk an die Nachfahren. "Die Urwaldreste sind besonders artenreich", erklärt Leibl, "weil sie eine seit Jahrtausenden ununterbrochene Habitatstradition haben." Der Biologe, 59, schrieb vor 30 Jahren seine Doktorarbeit über Windwürfe im Bayerischen Wald, seit mittlerweile fünf Jahren ist er Direktor des Nationalparks. "Der Wald bleibt nie gleich", sagt Leibl, "er ist immer in Bewegung. Wie ein Flickenteppich, dessen Muster sich ständig verschiebt."

Die Zeit des Neubeginns

Vor einigen Jahren gelang Forschern hier an der Mittelsteighütte ein Sensationsfund. Als Laie würde man an der gefeierten Entdeckung allerdings einfach vorbeigehen: ein unscheinbarer, rotbrauner Fleck an einer umgestürzten Tanne am Wegesrand. "Ein Duftender Feuerschwamm", sagt Leibl, "in ganz Deutschland ist er nur hier zu finden." Und auf der ganzen Welt nur in fünf weiteren Wäldern. Der Pilz braucht Tannen, die sehr, sehr alt sind und einen hohen Zersetzungsgrad erreicht haben. Er ist eine jener Spezies, die in dem winzigen Urwald überlebt haben. Ebenso wie die vielen Käfer, die im Totholz beste Lebensbedingungen haben.

Und jetzt, da überall im Park wieder massenweise Holz herumliegt, breiten sich diese Reliktarten auch über den Urwald hinaus aus. Die Naturzone, immerhin seit Jahrzehnten ungestört, bietet Flora und Fauna zunehmend ähnlich gute Lebensbedingungen wie der vorbildliche Urwuchs um die Mittelsteighütte. Nur die 400 Jahre alten Riesen fehlen. Mit den Pilzen und Käfern wandern die größeren Tiere ein. In die Fotofallen der Wissenschaftler tappen mittlerweile alle großen Säugetiere, die es in Mitteleuropa gibt – außer dem Braunbären. 2015 sahen die Forscher zum ersten Mal Wildkatze, Elch und Wolf auf den Fotos.

Kein Grund zum Feiern, findet Hubert Demmelbauer. "Wenn jetzt versucht wird, den Wolf künstlich einzuführen, halte ich das für gefährlichen Unsinn. Das läuft darauf hinaus, dass der Mensch keinen Platz mehr im Wald hat." Demmelbauer, 70, früher Forstamtsleiter in Zwiesel, ist einer der schärfsten Kritiker der Nationalparkverwaltung. Er wirft ihr vor, Bergwald von hohem ökologischen Wert der Wildnis-Ideologie geopfert zu haben. "Auf dem Falkenstein gab es 300 Jahre alte Fichten", sagt Demmelbauer. "Es ist zum Weinen." Man habe die Lehren von 1870 ignoriert: dass nach dem Sturm der Borkenkäfer kommt. "Ich bin überzeugt", sagt Demmelbauer, "dass uns zukünftige Generationen vorwerfen werden: Ihr habt den Wald kaputt gemacht." 

Franz Leibl sieht das anders. "Die Kritiker sind nur destruktiv", sagt der Parkdirektor. "Sie wollen keine Argumente austauschen, sondern Krawall machen." Immer wieder gebe es Politiker, die sich gegen den Park stellen, um sich zu profilieren. Der Parkdirektor hat gute Gegenargumente. Zum Beispiel die 1,3 Millionen Besucher pro Jahr, die sich laut einer Umfrage sehr wohl fühlen im Nationalpark. Oder die rund 200 Mitarbeiter, die der Nationalpark beschäftigt. Dazu kämen rund 800 mittelbare Arbeitsplätze, sagt Leibl – Hoteliers, Wirte, Bäcker, Metzger. "Der Nationalpark ist ein Motor der Regionalentwicklung."

Und diese Region endet längst nicht mehr an der Landesgrenze. Vom Eisernen Vorhang, der den Böhmerwald fast ein halbes Jahrhundert teilte, ist nur eine Schneise im Wald geblieben. Auf neu markierten Wegen spaziert man hinüber in den tschechischen Šumava-Nationalpark, der fast dreimal so groß ist wie der auf deutscher Seite. Die "Wege durch Natur und Zeit" sind ein gemeinsames Projekt der beiden Parks. Sie folgen alten Säumerpfaden, auf denen früher Maultiere das Salz nach Böhmen schleppten.

Lothar Mies wandert hier oft mit seinen Gästen, entlang eines Baches, vorbei an Biberburgen und der Reschbachklause, von der die Holzfäller früher die Stämme zur Donau trifteten. Und hinauf auf den Siebensteinkopf. An diesem Tag regnet es. Doch wenn die Luft klar ist, sieht man vom Gipfel weit über die riesigen Waldflächen. Tote Stämme stechen in die Luft wie die Speere einer Armee von Giganten, aber dazwischen sprießt überall frisches Grün. Vielleicht hat Lothar Mies recht. Vielleicht ist jetzt die schönste Zeit hier. Die Zeit des Neubeginns.