Etwas ab vom Schuss, in einer trockenen Landschaft zwischen Industriegebiet und Meer, stehen 24 Häuser. Manche von ihnen erinnern an eine Mischung aus Robotern und Insekten, als seien sie gerade einem Science-Fiction-Film entstiegen. Andere schmiegen sich so gekonnt in die Landschaft, dass sie fast in ihr zu verschwinden scheinen. Und dann fließt in einem auch noch ein Bach durchs Wohnzimmer. Klingt wie der Traum eines Architekten, ist aber noch viel mehr. In den futuristischen Häusern stecken viele kleine Lösungen für Teneriffas große Probleme.

Das fließende Wasser im Haus El Río beispielsweise sieht nicht nur hübsch aus, es kühlt den Raum auch wie eine Klimaanlage – ohne dabei Strom zu verbrauchen. Andere Häuser tragen Solarpanels auf dem Dach und ausgeklügelte Belüftungssysteme in den Wänden. Die Casas Bioclimáticas sind eine Feriensiedlung, betrieben vom Forschungsinstitut ITER, das auf erneuerbare Energien setzt. Gleichzeitig sollen die Häuser nahe Granadilla im Südosten der Insel auch Modelle für eine nachhaltige Architektur sein, eine Inspiration für Bauherren.

Für Attenya Campos sind sie vor allem ein Ort, an dem man eine Ahnung davon bekommt, was die Zukunft sein könnte. Die junge Architektin hat sich auf erneuerbare Energien und die Nutzung natürlichen Lichts spezialisiert. Sie und ihre Kollegen können an den Häusern neue Ideen und Funktionen testen. Denn während Feriengäste hier wohnen, werden Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit und Licht erhoben und ausgewertet.

Fragt man Campos, welcher Typ Tourist die Häuser bucht, muss sie grinsen. Das Feriendorf ist ein Ort für Liebhaber. Meistens seien es Menschen, die sich privat oder beruflich mit Wasserkraft, Solar- und Windenergie beschäftigen, sagt sie. Denn ein Problem mit dem konstanten Scharren der Windräder sollte man hier nicht haben.


Wenn es auf Teneriffa zwei Dinge im Überfluss gibt, dann sind das Sonne und Wind. Beste Voraussetzungen für Windkraft und Solarenergie – eigentlich. "Die Technologie für Alternativen wäre da, aber es mangelt noch an politischer Initiative", sagt Campos. Und damit beginnt eine lange Kette von Problemen für die Insel. Denn im Gegensatz zu Wind und Sonne droht das Süßwasser in den kommenden Jahren knapp zu werden, und Strom und Trinkwasser hängen auf der Insel eng zusammen.


Wie eng, kann Manuel Hernández erklären. Er beschäftigt sich schon seit seinem Studium in den Siebzigern damit, wie man Trinkwasser gewinnt. Hernández beginnt damit, dass er einen unförmigen Schweizer Käse auf ein Blatt Papier malt. Er wird beim Erklären jeden Zentimeter seines Zettels vollkritzeln und danach ressourcenschonend auf der Rückseite weitermachen. Denn um das Problem Teneriffas zu erörtern, muss er weit ausholen und zu Strom und Wasser noch Tourismus und Landwirtschaft hinzufügen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2017. © MERIAN

Der Schweizer Käse stellt Teneriffa dar, ein Kreis markiert den Teide. An den Rand der Insel hat Manuel Hernández rundherum viele kleine Löcher gemalt. "Stollen, Stollen, Stollen", sagt er und blickt vom Blatt auf, "eine durchlöcherte Insel". Im Gegensatz zu anderen kanarischen Inseln hat Teneriffa nämlich durchaus Grundwasser zur Verfügung. Trotz Saharanähe gibt es zum Teil ansehnliche Niederschläge, denn der Nordost-Passat bringt Regenwolken, die an den Bergen hängen bleiben und sich dort entleeren.

Das Problem dabei: Die Insel hat davon erstmal nichts, denn das Wasser fließt ins Meer oder versickert im löchrigen Vulkangestein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Tinerfeños deshalb zum Teil kilometertiefe Stollen gesprengt und gebohrt, um an das versickerte Wasser heranzukommen. Über tausend solcher galerías gibt es auf der Insel, und mit dem so gewonnenen Wasser lässt sich ein großer Teil der landwirtschaftlichen Bewässerung bestreiten – jedenfalls noch. Manuel Hernández legt die Stirn in Falten und setzt den Stift neu an, denn jetzt kommt das erste Aber. Er schreibt die Zahl 3,6 und unterstreicht sie zweimal. "3,6 Meter – um so viel sinkt jedes Jahr der Grundwasserspiegel im Norden der Insel", sagt er. Der Regen könne den steigenden Verbrauch nicht mehr kompensieren.