"Gurke" in der Geldfabrik: Das wegen seiner Form "The Gherkin" genannte Gebäude ist das markanteste der City und Sitz des Finanzriesen Swiss Re. © Horst Friedrichs für MERIAN

Es ist kurz nach acht Uhr abends, und ich sitze mit einem Banker in einem Restaurant, das nach seiner Adresse benannt ist:
"1 Lombard Street". Hier ist das historische Herz der City of London, Europas Finanzzentrum. Plötzlich reden wir über Beerdigungen. Im Büro "werden diese Hahnenwettkämpfe ausgetragen", erzählt mein Gesprächspartner. "Wer bringt für die Arbeit die größten Opfer? Ein italienischer Kollege erklärte dem Chef einmal, er habe sich so sehr dem Job verschrieben, dass er sogar das Begräbnis seiner Großmutter verpasste, um ein Geschäft abzuschließen. Worauf der Chef zurückgab: Ich hab die Beerdigung meines Schwiegervaters verpasst."

Wer sind diese Menschen? Zehn Jahre, nachdem die größte Finanzkrise seit den 1930er Jahren die Weltwirtschaft traf, gibt es einen Berg von Büchern, Studien und Berichten, die sich damit befassen, was genau in jenen dunklen Septembertagen 2008 geschah. Zahlreiche neue Vorschriften – nationale, europäische, globale – sollen verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Doch was die Banker in den Jahren vor 2008 so handeln ließ, wie sie es taten, bleibt bis heute rätselhaft.

Für Hollywood ist die Antwort einfach: Banker sind bösartige Psychopathen, denen alles egal ist. Man denke nur an den Banker in "American Psycho" – einen schrecklichen Serienmörder. Oder an den Hollywood-Klassiker "Wall Street", in dem Michael Douglas als Gordon Gekko den versammelten Aktionären genüsslich erklärt: Gier ist gut! Banker als von Gier getriebene Monster: Das Filmpublikum kann von diesen modernen Inkarnationen des Bösen gar nicht genug bekommen. Daher auch das englische "Bankster", ein Wortspiel mit Gangster.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2018. © MERIAN

Das Problem ist nur: Dieses Bild ist falsch. Nehmen Sie die U-Bahn zur Station "Bank" in der "square mile". So wird die historische City of London genannt, wo die britische Zentralbank und viele der alten Börsenfirmen ihren Sitz haben, ebenso zwei der weltweit bekanntesten Finanzriesen: die Deutsche Bank (im Insiderjargon nur "Deutsche") und Goldman Sachs ("Goldman"). Gemeinsam mit dem ehemaligen Hafenviertel Canary Wharf und dem noblen Mayfair weiter im Westen, wo die professionellen Investoren ihre Adresse haben, bildet die Quadratmeile Londons Finanzzentrum. Billionen und Aberbillionen von Euros, Dollars, Pfund, Rubel, Yen und Renminbi werden hier täglich gehandelt und machen London zu einem so großen Finanzzentrum wie New York – in mancher Hinsicht gilt der Finanzplatz London sogar als wichtiger.

Nehmen Sie irgendwo hier Aufstellung und beobachten Sie den Eingang eines der großen Gebäude, die heute Londons Skyline so beherrschen wie es einst die Kirchtürme und Paläste taten. Die Fassaden sind alle aus Glas, das soll den Eindruck von Transparenz erwecken. Haben Sie gemerkt, dass Goldman Sachs an seiner Zentrale in der Fleet Street 120 nicht einmal ein Firmenschild hat?

Schauen Sie sich die Leute an, die in diese Gebäude hineingehen und herauskommen. Achten Sie nicht auf ihre teuren Anzüge, Uhren, Handtaschen oder darauf, was sie hastig zum Lunch essen. Schauen Sie ihnen lieber in die Gesichter und achten Sie auf jene Partie, die alles verrät: die Augen – und vor allem die Stelle gleich darunter.