Steine des Anstoßes: Wo über Jahrzehnte Muslime und Christen nebeneinander beteten, entstand ab 786 diese Moschee. Ab 1489 wurde sie teils zur gotischen Kathedrale umgebaut. Bis heute ringt Córdoba um die Frage: Wem gehört das Juwel maurischer Baukunst? © Monica Gumm für MERIAN

Gebeugt sitzt Jose Carlos Villarejo García über einem Bild. Seit Monaten arbeitet der Enddreißiger, dessen Gesicht von dunklen Locken und einem gepflegten Vollbart gerahmt wird, im Keller an seinem Werk. Zuerst hat er das Schafsleder mit Silber überzogen, dann goldene Leisten und bunte Arabesken, Früchte und Pfauen aufgemalt. Nun schlägt er mit Hammer und Eisenstift vorsichtig Muster ins Leder. Blume für Blume, Ranke für Ranke. García arbeitet an einem Abbild des Paradieses, einem Kunstwerk in uralter islamischer Tradition. Und das als Christ. "Wie früher in al-Andalus", sagt er.

Al-Andalus, so nannten die Araber das Reich, das sie ab 711 auf der Iberischen Halbinsel schufen. Im Jahr 1492 endete ihre Herrschaft mit dem Fall Granadas. Doch der Mythos des Maurenreiches dauert bis heute fort. Als Ort, wo Dichter in Orangenhainen zur Laute sangen und Steinmetze ziselierte Verse in die Wände der Paläste meißelten. Wo bedeutende Astronomen, Mathematiker und Ärzte forschten. Wo Christen, Juden und Muslime einträchtig miteinander lebten und in Übersetzerschulen gemeinsam Meisterwerke antiker Philosophen aus dem Arabischen ins Lateinische übertrugen – und so dem Abendland zugänglich machten. Moses Maimonides führte die aristotelische Philosophie ins Judentum ein, der Aufklärer Averroes deutete den Koran allegorisch.

Die Herrscher ließen ihren Untertanen ihren Glauben – wenn diese brav ihre Zusatzsteuer zahlten. "Convivencia" nennen die Andalusier heute den Geist der Toleranz und gegenseitigen Befruchtung, das Leitbild von al-Andalus.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2018 © MERIAN

In den verwinkelten Gassen der Altstadt von Córdoba werkelt García daran, dieses Erbe zu bewahren. "Ich will die Botschaft der Convivencia verbreiten", sagt der Künstler, "gerade in der heutigen Zeit." Dazu bedient er sich einer Kunst, die sich seit den Tagen von al-Andalus kaum verändert hat. García fertigt Guadamecíes, prächtige Wandbilder, die einst Kalifen, Adeligen und Reichen vorbehalten waren. "Ich verwende die gleichen Werkzeuge, die gleiche Art des Ledergerbens und die gleichen Formeln für Farben wie die Künstler im 11. Jahrhundert", erklärt er.

Gelernt hat er all das von seinem Onkel. Dieser hat das "Ledermalen" in den 1960ern wiederbelebt und auch das Museum über Garcías Atelier begründet. An den Wänden hängen heute die Werke beider Künstler, schillernde Guadamecíes, silber- und goldglänzend. An jedem dieser Bilder arbeite er ein Jahr, sagt García. Entsprechend elitär ist sein Kundenkreis. Staatsgäste, die nach Córdoba reisen, bekommen von der Stadt einen Guadamecí geschenkt. Saudische Prinzen, europäische Präsidenten und natürlich das spanische Königshaus haben Garciás Werke zu Hause.

Die Basis seien stets islamische Ornamente, erklärt er, aber er komponiere und interpretiere sie neu. Manchmal sogar mit christlichen Motiven: In einem Raum hängen die Jungfrau von Guadalupe und der Gekreuzigte vor maurischem Muster. Mehr Convivencia geht kaum.