Alltagslieblinge: Malene Helbaks Dosen, Vasen oder Karaffen sind aus Kopenhagener Wohnungen kaum noch wegzudenken. Ihre Muster entwickelt sie immer neu, jüngste Kreationen sind "Snor", Leine (erste Dose von links) und "Cassis" (zweite Dose von links). © Anna Mutter für MERIAN

Eine Geschichte über das dänische Design führt so zwangsläufig zum Happy End, dass man es guten Gewissens vorwegnehmen kann. Es ist die Geschichte einer Eroberung des Weltgeschmacks, so dezent, so sanft und doch stetig, so sympathisch, dass niemand auch nur versuchte, sich dagegen zu wehren.

In Berlin, London oder New York hängen sich die Menschen die legendäre Dreischirmleuchte "PH 5" von Poul Henningsen über ihre Esstische, setzen sich auf den Stuhl "Ameise" von Arne Jacobsen oder den Hocker "CH33" von Hans J. Wegner, essen aus der "Krenit"- Schüssel von Herbert Krenchel. Seit Jahrzehnten tun sie das. Noch nie aber wurde dafür so viel Geld ausgegeben, wurden Neuheiten so ausführlich rezensiert und Klassiker mit so viel Ausdauer auf Flohmärkten und im Internet gesucht wie heute. Es ist nicht abzusehen, dass die Welt des dänischen Designs überdrüssig wird.

Das war nicht immer so. 1964 wurde die Produktion der "Krenit"-Schüssel eingestellt, 1967 die von Wegners "CH33". Aber dann trat um die Jahrtausendwende eine neue Generation auf den Plan, sie sind die geistigen Enkel von Arne Jacobsen und Co. Einer von ihnen ist Øivind Slaatto. Er ist 33 Jahre alt, als er 2011 eine Einladung von Bang & Olufsen bekommt, dort sein Uni-Abschlussprojekt vorzustellen. Mit dem Lautsprecher "BeoPlay A9" räumt das Unternehmen 2016 den Danish Design Award ab, im Jahr darauf noch einmal mit Slaattos Folgemodell "BeoSound Shape".

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2018. © MERIAN

Als einer von Dänemarks vielversprechendsten Jungdesignern wird Øivind Slaatto heute gefeiert. Neben Lautsprechern entwirft er in seinem Atelier im Stadtteil Nordvest zum Beispiel Leuchten für Traditionsfirmen wie Le Klint oder Louis Poulsen. Genau in dem von ihm beschriebenen Individualismus liegen die Wurzeln der dänischen Erfolgsgeschichte. So sieht das auch Christian Holmsted Oleson, Kurator des Dänischen Designmuseums. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt Dänemark ein Bauernstaat; es gibt kaum große Firmen, dafür viele kleine Werkstätten. Radikal neue Strömungen kommen nicht von hier, die Dänen setzen auf Handwerk, nicht auf Ideologien. "Das dänische Design hat – wie unsere Politik – nie eine Revolution erlebt", so Oleson. "Sondern eine graduelle Evolution."

Tatsächlich sind es Handwerker, die in den 1950er und 1960er Jahren zu den führenden Köpfen der "Dänischen Moderne" werden; sie geht als "goldene Zeit" in die Designgeschichte des Landes ein. Arne Jacobsen (1902- 1971) lässt sich erst zum Steinmetz und dann zum Architekten ausbilden. Sowohl Hans J. Wegner (1914-2007), der wegen seiner mehr als 500 Stuhlentwürfe "The Master of the Chair" genannt wird, als auch Poul Kjærholm (1929-1980) beginnen ihre Karrieren als Möbeldesigner mit einer Schreinerlehre. Herbert Krenchel (1922-2014) macht an Kopenhagens Technischer Universität seinen Abschluss zum Diplomingenieur und arbeitet als Materialforscher, bevor er die millimeterdünne "Krenit"-Schüssel entwickelt. Gerade ihre Materialien, die Kombination aus farbiger Emaille innen und der äußeren Schicht aus schwarzem Faserzement, machen sie zur Ikone.

Als vor allem US-Journalisten in den 1950er Jahren das dänische Design entdecken, als bald darauf alle Welt nach Objekten zum Ausstellen und Verkaufen fragt, kommen deren Macher nicht hinterher mit der Produktion. "All diese Stühle, Leuchten, Tische waren Einzelstücke", sagt Oleson. "Erst wegen der großen Nachfrage wurde die Fertigung umgestellt auf eine Mischung aus industrieller Produktion und Handarbeit. Das macht bis heute den Ruf dänischen Designs aus: die Qualität und Langlebigkeit. Die Nachhaltigkeit."

Ein Auto ist in Dänemark kein Statussymbol

Wenn man sich heute bei der Keramikdesignerin Malene Helbak erkundigt, was ihren Stil geprägt hat, dann erzählt sie von dem Jahr, das sie nach der Schule in London verbracht hat; von Streifzügen über Flohmärkte und dem Stöbern in Sixties-Stücken. Nicht nur junge Paare wie Helbaks Eltern, auch der Staat selbst investiert in den Nachkriegsjahrzehnten in öffentliche Gebäude und deren Ausstattung. Star-Architekt Arne Jacobsen entwirft in Kopenhagen nicht nur ein Hotel und private Wohnhäuser, sondern auch Theater, ein Strandbad, Schulen – inklusive der Möbel. "Dänemark wurde zur Design-Gesellschaft"", sagt der Kurator Oleson. "Jeder hier, vom Kind bis zum Erwachsenen, kennt noch heute die wichtigsten Klassiker. Sie sind Teil unseres Lebensstils geworden: Ein Auto ist in Dänemark kein Statussymbol, ein Sessel von Arne Jacobsen oder eine Leuchte von Poul Henningsen schon."

Mussten die Protagonisten der Dänischen Moderne die Fertigung ihrer Stücke noch mühsam industrialisieren, ist das für ihre Enkel längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Malene Helbak lässt in Portugal produzieren. Susan Liebe, die auch eine erfolgreiche
Keramikdesignerin ist, lässt Teller und Tassen, Vasen und Lampenschirme in Asien fertigen und nach Kopenhagen verschiffen. Diese Rohversionen überzieht sie dann mit nostalgischen Pastellfarben.

In keinem anderen Bereich sind die dänischen Designer derzeit so nah dran, doch einmal eine richtige Revolution zu wagen, wie in der Keramik. Die nämlich verbündet sich gerade mit einem Etwas, worin die Dänen in den letzten Jahren immer besser geworden sind: der Kulinarik. Mit dem "New Nordic Kitchen Manifesto" erhoben die "Noma"-Gründer Kopenhagen zum Epizentrum einer kulinarischen Bewegung, die bis heute die Szene beben lässt. Deren Rückbesinnung auf ureigene Zutaten und alte Zubereitungsarten umfasst auch die Teller und Schüsseln, auf denen ihre Kreationen gereicht werden. Kleine Töpfereien wie der Vater-Sohn-Betrieb "KH Würtz" im jütländischen Horsens beliefern heute die Spitzenrestaurants von Kopenhagen oder New York.

"Wir erleben seit einigen Jahren eine starke Renaissance alter Handwerksfertigkeiten", das beobachtet Christian Holmsted Oleson vom Designmuseum auch in anderen Bereichen. Das verschaffe dem dänischen Design zusätzlich internationale Aufmerksamkeit. Und es holt verloren geglaubte Klassiker zurück auf die Bühne: Im Jahr 2012 nahm "Carl Hansen & Søn" die Produktion des Wegner-Hockers "CH33" wieder auf, 45 Jahre nach Einstellung der Produktion. Und der hochbetagte Herbert Krenchel konnte 2007 den neu gegründeten Designhersteller Normann Copenhagen dafür gewinnen, seine "Krenit"-Schüssel nach 43 Jahren noch einmal frisch aufzulegen.

Dieser Klassiker wird zur Startrampe für den raketenhaften Aufstieg des Unternehmens, das zwei Design-Liebhaber 1999 eigentlich als kleinen Laden gründen. Ähnlich wie andere dänische Firmen dieser Größe – Hay, Muuto, Gubi, &Tradition – ist Normann Copenhagen mit seinem Design-Mix zu Mittelklassepreisen längst weit über die Grenzen des Landes erfolgreich. Dabei, gesteht Poul Madsen, einer der Gründer, ist gerade die große Produktpalette von Schalen über Möbel bis zu Mode für Dänemark völlig unüblich.

All diese ganz unterschiedlichen Designer, sagt Christian Holmsted Oleson, sind mit ein Grund für das Happy End in der Geschichte des dänischen Designs: Individualisten wie Øivind Slaatto oder Simon Legald, Pragmatikerinnen wie Malene Helbak oder Susan Liebe, Geschäftsgründer wie Poul Madsen. Mit der Jahrtausendwende haben sie ein neues Interesse an den alten, teils fast vergessenen Klassikern entfacht. Und gleichzeitig neue Klassiker entworfen. "Dänisches Design", so Oleson, "ist die Antwort auf die Kritik der Postmoderne. Architekten und Designern wird oft vorgeworfen, dass sie den Menschen zu sehr aus dem Blick verloren hätten. Bei uns in Dänemark steht er im Mittelpunkt."