Seit mehr als 40 Jahren wird dieses Fest schon gefeiert, die Veranstalter von der Winzergenossenschaft Weinbiet nennen es "das längste Weinfest der Welt". Ende August geht es los, erst Anfang November ist Schluss, je nach Wetterlage. Bis zu 2.000 Besucher kommen dann pro Tag hierher, um Federweißen zu trinken. Süß und fruchtig schmeckt der trübe, junge Wein, der aus dem "Dubbeglas" getrunken wird; die "Tupfen" im Halbliterglas sollen dafür sorgen, dass es fest in der Hand liegt. Bierbänke sind über den ganzen Hof verteilt, sie sind gut besetzt, auch mitten in der Woche.

"Mittwochnachmittags haben die Ärzte zu, dann ist hier Seniorentag", sagt der Mann im Karohemd, der mir von gegenüber zuprostet. Einmal pro Woche ist er mindestens hier, erzählt er. Weil er das Lockere und Ungezwungene liebe. An einem Stand gibt es "Woiknorze", unglaublich leckere, knotige Roggenbrötchen mit Kümmel, dazu Leberwurst oder Käse. Manche Besucher bringen ihr Essen selbst mit. Das wird nicht bloß toleriert, sondern ist gern gesehen.

Die Nacht verbringe ich in Neustadt-Hambach, in der Ferienwohnung von Anja Fecht, einer Frau, für die der Begriff "herzensgut" geradezu erfunden sein könnte. Sie versorgt mich mit Kaffee, frischer Milch und selbstgemachter Marmelade – aus Feigen, die in ihrem Hof wachsen. Als sie hört, dass ich mir die Neustadter Innenstadt und das Hambacher Schloss ansehen will, bringt sie auch noch das Mountainbike ihres Mannes. "Damit macht es mehr Spaß."

Neustadt ist ein Flickenteppich aus Fachwerkhäusern, Gründerzeitvillen und Nachkriegsbauten. Und der Ort, an dem beim Deutschen Weinlesefest die Deutsche Weinkönigin gewählt wird. Am Marktplatz sitzen die Menschen in der Sonne, trinken Espresso und Latte Macchiato, als hätten sie alle Zeit der Welt. Die gotische Stiftskirche, erbaut aus roten Sandsteinquadern, überragt den Platz.

Ich frage nach dem Weg zur "Herberge", der ältesten Weinstube der Stadt. Seit 1793 wird das Gasthaus bewirtschaftet. Man sitzt an langen Tafeln und kommt mit den Tischnachbarn schnell ins Gespräch – Pfälzer Geselligkeit, das habe ich in den vergangenen Tagen erfahren, färbt auch auf Nichtpfälzer ab.

Genauso wie die Lust am Genuss. Gäbe es eine Meisterschaft in dieser Disziplin, die Pfälzer wären die Champions – was sicher auch an ihren herrlich urigen Gaststuben liegt. Kaum bestellt, bekomme ich einen Salat mit geräucherter Forelle und ein Glas Weißburgunder gebracht. Alles einfach, alles gut. Und wenn die Gäste aufbrechen, ruft ihnen die Wirtin "Bis morgen" hinterher.

Zum Hambacher Schloss führt ein steiler, schmaler, verwurzelter Pfad. Hier sind Deutschlands Liberale im Mai 1832 zusammengekommen, um für Meinungs- und Pressefreiheit, für ein freies, geeintes Deutschland zu streiten. Eine gut gemachte Ausstellung erzählt davon, bis zu 170.000 Besucher kommen pro Jahr. Ruhig wird es erst, wenn die Reisebusse abgefahren sind. Der Blick von der Terrasse geht dann in die weite Rheinebene, die Abendsonne wärmt das Gesicht. Eine Gruppe hat es sich auf der Schlossmauer gemütlich gemacht. Sie haben Picknickkörbe dabei, reichen die Weinflasche herum. Profis im Genießen eben.