Machtbeweis hoch über dem Rhein: Der ab 1030 erbaute Kaiser- und Mariendom machte Speyer zu einer Metropole des Mittelalters. © Georg Knoll für MERIAN

Für Markus Eichenlaub, Organist am Dom zu Speyer, werden 0,25 Sekunden manchmal zur Herausforderung. Er sitzt 20 Meter über dem Boden in einer Nische in der Westwand des Doms, sein Arbeitsplatz sieht aus wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs: mit Wänden aus spiegelndem Stahl und aberwitzig langen Reihen von über 200 Schaltern für die Register. Während der Gottesdienste hat er die Gemeinde im Rücken, aber über einen Monitor die ganze Kathedrale im Blick. Einzelne Bereiche lassen sich per Touchscreen ranzoomen – etwa der Bischof auf seinem wuchtigen Stuhl.

Außerdem kann er über eine Lichtfaserleitung von hier oben eine zweite Orgel vorn im Kirchenschiff spielen, wo der Chor singt. Mit einem Problem allerdings: 0,25 Sekunden braucht der Schall, um die 70 Meter Distanz von der Zweitorgel zu Eichenlaub zurückzulegen. Wenn er seine eigenen Töne – und die des Chores – hört, sind sie dort unten bereits verklungen. Seine eigene Musik ist bereits Vergangenheit, wenn sie bei ihm ankommt. Also spielt er bei Chorkonzerten nicht nach Gehör, um nicht durcheinanderzukommen, sondern stellt seinen Monitor auf den Dirigenten unten im Kirchenschiff scharf. 

0,25 Sekunden: Das ist der wohl kleinste Zeitsprung, den man hier im Speyerer Dom erleben kann – einer Kirche, in der Besucher oft schon mit ein paar Schritten durch ganze Epochen rauschen. Der größte Zeitsprung führt von Eichenlaubs Orgel im Westtrakt der Kirche zu ihrem östlichen Ende, in die Krypta. Rechts vom Altarraum geht es 22 Stufen in die Tiefe zu einem der schönsten Räume, den romanische Baumeister je geschaffen haben. Die Fenster liegen in Höhlen in der Wand, ein fast mystisches Goldlicht fällt hinein, schneidet Bahnen durch einen Wald aus mehr als 50 Säulen und Halbsäulen. Über Würfelkapitellen spannen sich lange Reihen von Rundbögen aus abwechselnd roten und weißen Steinen.

Schon um 1040 haben Menschen hier gebetet, die Krypta ist der älteste Teil des Doms. Fast ein wenig schwindlig wird einem, wenn man vor dem großen Taufbecken ein paar Meter weiter steht und an all die Kinder denkt, die hier vor fast einem Jahrtausend mit geweihtem Wasser übergossen wurden – hineingeboren in eine Welt, die so ganz anders war als unsere: Deutschland – der Begriff kam damals gerade erst auf – war eine weitgehend menschenleere Gegend fast ohne Städte. Speyer gehörte mit ein paar Hundert Einwohnern schon zu den größeren Orten.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2017 © MERIAN

Welche Träume, welche Vorstellungen von Glück hatten die Händler und Handwerker, die diese Stadt größtenteils bevölkerten? In welchem Bewusstsein wuchsen sie auf – inmitten einer Gesellschaft, in der die Existenz Gottes so selbstverständlich war wie die Existenz von Luft? Wenn einer dieser Menschen des 11. Jahrhunderts plötzlich vor einem stünde: Könnten wir uns, abgesehen von der Sprache, überhaupt einander verständlich machen, wenn wir von unseren Leben erzählten?

Kaum etwas ist bekannt über diese sogenannten einfachen Leute. Etwas mehr weiß man über ihre Herrscher, die Kaiser, von denen einige hier im Dom in einer Grabkammer beigesetzt sind, die Besucher von der Krypta aus betreten können.

Unter grauen Steinplatten liegt Konrad II., erster Kaiser aus der Familie der Salier. Er war zwei Meter groß und Analphabet, im Mittelalter war nur Ersteres außergewöhnlich. Seine wichtigste Botschaft hat er mit Steinen geschrieben: Um 1030 ließ er in Speyer, im Stammland seiner Familie, den größten Dom Europas bauen – als unübersehbares Zeichen für den Machtanspruch der neuen Kaiserdynastie.