Bonjour, Mosel: Bei Schengen wird der deutsch-luxemburgische Grenzfluss französisch. © Christina Körte für MERIAN

Um Europa zu verstehen, macht es Sinn, mit dem Graben auf dem Stromberg anzufangen. Halb verschüttet mitten im Wald, einige Meter abseits des Wegs; die meisten Wanderer gehen achtlos vorbei. Nichts lässt darauf schließen, dass er mehr sein könnte als ein einfacher Graben. Adi Brittnacher aber kann nicht vorbeilaufen. Vor allem nicht in einer Zeit, in der Europa in Frage gestellt wird, in der sich immer mehr Länder auf die eigene Nation besinnen und Grenzen schließen.

Seit 13 Jahren führt Brittnacher Wanderer durch diese Wälder, über drei Ländergrenzen hinweg, er zeigt ihnen die Schönheit der Natur, steigt mit ihnen Hügel auf und Hügel ab durch das Naturschutzgebiet Hammelsberg mit seinen gut 70 Arten von Schmetterlingen und den Orchideen, er genießt mit ihnen den Blick auf die Mosel, die unterhalb des Strombergs eine Schleife zieht. Er erzählt, wie er sich manchmal morgens den Wecker stellt und sich im Dunkeln auf den Weg macht. Von Oberperl, wo er seit 68 Jahren lebt, durch den Wald, über die Wiese, die im Sommer nach Thymian, Minze und Rosmarin duftet, wie er sich durch die blühenden Schlehenbüsche schlägt, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Hammelsberg zu stehen. Von dort oben hat er einen Rundblick auf drei Länder, an besonders klaren Tagen sogar auf vier, wenn am Horizont die Umrisse der belgischen Ardennen zu sehen sind.

Fragt man Brittnacher, was das Dreiländereck ausmache, sagt er: das Grenzenlose. Deswegen kann er auch nicht einfach an dem Graben im Wald vorbeigehen, ohne daran zu erinnern, dass es sich um einen alten Schützengraben handelt. Ein Relikt einer Welt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als in diesen Wäldern gekämpft wurde und sich auf der einen Seite der Mosel der Westwall als Verteidigungslinie der Deutschen entlangzog und auf der anderen Seite die Maginot-Linie der Franzosen. 2.460 Tote aus jener Zeit liegen nur wenige Kilometer entfernt in Perl-Besch, auf dem größten Ehrenfriedhof im Saarland. Den Krieg hat Adi Brittnacher nicht erlebt, er ist 1950 in Oberperl geboren. Aber als Kind hat er noch Krieg gespielt, oben auf dem Hammelsberg, in seiner Vorstellung haben sie noch gegeneinander gekämpft, Deutsche und Franzosen.

Er hat die Zeiten erlebt, als es einen Schlagbaum gab zwischen Schengen und Perl und er beim Spazieren immer einen Ausweis in der Hosentasche haben musste, weil an der grünen Grenze zwischen Frankreich und Deutschland die Zöllner mit ihren Schäferhunden patrouillierten. Heute wird er auf seinen Dreiländerwanderungen von Perl über Belmach und Contz-les-Bains nach Schengen von Besuchern manchmal gefragt, in welchem Land sie sich denn gerade befänden, weil es außer ein paar verwitterten Grenzsteinen im Wald nichts mehr gibt, was auf einen Grenzübertritt schließen lässt. Erst der Schützengraben erinnert daran, dass was heute so selbstverständlich erscheint genau das nicht ist. Nur wer sich das vor Augen führt, versteht, welche Errungenschaft ein Europa ohne Grenzen ist, vor allem hier an der Obermosel, im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2019 © MERIAN

Den Wert dieser Grenzenlosigkeit wollte Adi Brittnacher auch anderen vermitteln – so kam er auf die Idee der Dreiländerwanderung. Neun Stunden dauert die Tour, fünfmal wird Rast gemacht, an besonders schönen Orten auf dem Hammelsberg, dem Hasenberg, in Belmach, auf dem Contzer Plateau und dem Stromberg. Dort wird Wein verkostet und hausgemachtes Essen serviert. Brittnachers Tochter Tanja hat vor 25 Jahren einen Winzer geheiratet, Thomas Schmitt vom Weingut Schmitt-Weber. Als der Schwiegervater ihm von seiner Idee erzählte, sagte er: "Jetzt willst du auch noch wandern", als hätten sie mit dem Wein nicht schon genug zu tun. Schmitt-Weber ist ein Familienbetrieb, um 50 Wanderer unterwegs zu verköstigen, müssen alle mithelfen: von den Enkelinnen bis zu den Großeltern.

Es gibt einige Winzer in der Region, die Wanderungen inklusive Verköstigung anbieten. Die Obermosel ist das einzige Weinanbaugebiet im Saarland. Die Anfänge reichen bis in die Römerzeit zurück. Der Wein hat hier nahezu ideale Bedingungen, die Winter sind nur mäßig kalt, die Temperaturen im Sommer nicht extrem hoch, und die Hänge erstrecken sich in bester Südwestlage, so wie auf dem Hasenberg, wo die Trauben für den Premiumwein der Schmitts wachsen. Bis zum Ufer der Mosel ranken sich die Reben in langen Reihen abwärts. Seit 1725 ist die Familie im Besitz von Weinbergen, aber erst Werner Schmitt, Thomas Schmitts Vater, fing 1960 an, den Wein auch selbst abzufüllen. 1995 übernahm der Sohn das Weingut, seine Tochter Katharina wird die Nächste sein. Als sie sich vor Kurzem dazu entschlossen hat, war das für Opa Werner die schönste Nachricht des Jahres. Auch Adi Brittnacher ist sehr glücklich darüber und stolz auf seine Enkelin. Katharina ist 23 und bislang die einzige Winzerin im Saarland. Was die meisten nicht wissen: Es gibt einen Unterschied zwischen saarländischem Wein und Saarwein. Ersterer wächst im Dreiländereck an der Obermosel, Letzterer wird zwar an der Saar angebaut, allerdings in Rheinland-Pfalz.