Keine Scheu vor der Kamera: Die meisten der Tiere im Park wurden füher mit grausamen Methoden abgerichtet. Hier lernen sie, sich nicht mehr zu fürchten. © Marc Bielefeld für MERIAN

Die kleine Frau mit den langen schwarzen Haaren hat nach all den Jahren endlich etwas im Land bewegt, man sieht es schon an Bangkoks Flughafen Suvarnabhumi. Über den Rolltreppen leuchtet eine Werbetafel, die als Appell wirken soll. Ein Thailänder ist darauf zu sehen, der einem Elefanten die Hand reicht. Verantwortungsbewusste Touristen, steht dort zu lesen, kaufen kein Elfenbein. Darunter der Hinweis, dass weltweit jährlich bis zu 33.000 Elefanten wegen ihrer Stoßzähne getötet werden.

Das Schild ist beachtlich, kündet es doch von der Bemühung, mit althergebrachten Gewohnheiten zu brechen. Genau darauf zielt die hartnäckige Arbeit der kleinen Frau, die alle nur Lek nennen: Es geht um das Kratzen an einer Geisteshaltung – und es geht um Elefanten.

Von der Stadt Chiang Mai ist es eine gut anderthalbstündige Fahrt bis zu Leks Arbeitsplatz. Nach rund zwei Dritteln der Strecke warnen die ersten Schilder vor Wildwechsel. Hier oben, gut 100 Kilometer vor der Grenze zu Myanmar, ist kein Rotwild gemeint, sondern Elefanten, die zufällig die Straße kreuzen. Bis zu 4.000 leben noch in Thailand, die Hälfte in der Wildnis, die andere Hälfte "domestiziert" und unter anderem eingespannt als Arbeitstiere. Es sind ernüchternde Zahlen. Anfang des 20. Jahrhunderts streunten noch um die 100.000 Elefanten frei durchs Land, doch das Problem ist wie vielerorts in Asien dasselbe. Die Wälder der Tiere werden gerodet, bis sie ihre Reviere verlassen müssen und dann vermehrt auf Menschen stoßen.

Eine kleine Straße biegt nun links ab, dann öffnet sich das weitläufige Tal am Mae-Taeng-Fluss und man erreicht den Elephant Nature Park. Am Eingang stehen drei flache Gebäude, es gibt einen Parkplatz und ein vegetarisches Restaurant, dahinter breiten sich Wiesen aus, Matschlöcher, die Berge, der Fluss. Dieses Areal ist eine Oase für geschundene Elefantenseelen und ein weltweites Vorzeigeprojekt in Sachen Tierschutz. Vor allem aber ist es das Werk von Sangdeaun Chailert, der Frau, die als "Elefantenflüsterin" berühmt geworden ist.

Sie kommt am Nachmittag aufs Gelände, und es ist ein bisschen so, als würde der Messias eintreffen. Im Gefolge hat Lek, 57 Jahre alt, mehrere Mitarbeiter eines Elefantencamps im Süden. Sie wollen von ihr wissen, wie sie die Tiere rettet, füttert, wieder leben lässt. Wie sie die Elefanten versöhnt mit dem Menschen. Und wie sie damit auch noch Geld verdient. Lek trägt braune Gummistiefel, eine weite Bluse, ihr tiefschwarzes Haar fällt in einem dicken Strang auf die Hüften. Und dann redet sie über ihre Geschichte, ihre Mission.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2019 © MERIAN

Es sei entsetzliches Unrecht, was mit den Elefanten geschehe. Über 200 hätten sie und ihre Leute schon gerettet. Und sie machen weiter. Sie untersuchen die Tiere auf der Krankenstation, päppeln sie wieder auf, lassen ihnen auf dem riesigen Gelände freien Lauf. "Gut 80 Prozent der Elefanten, die hierherkommen, sind Zombies", sagt Lek. "Mentale Krüppel wegen der Folter." Und es gäbe nur einen Weg, sie wieder zu halbwegs normalen Elefanten werden zu lassen: "Liebe und Bananen."

Überall um Lek herum stehen, laufen und suhlen sich Elefanten: 86 der grauen Riesen sind es derzeit, die man wohl eher als Patienten bezeichnen müsste. Da ist die 60 Jahre alte Elefantenkuh Srinuan, 3.800 Kilo schwer, sie kommt aus dem Westen Thailands, wo sie jahrelang Baumstämme aus dem Urwald ziehen musste. Man hat Srinuan schon früh mit einer Fletsche ein Auge ausgeschossen, um sie gefügig zu machen. Vielen Elefanten zertrümmert man gleich beide.

Da ist Mae Pong Sri, über drei Tonnen schwer und erst seit wenigen Wochen im Camp. Das Tier musste als Touristenelefant zum Reiten herhalten und ist von Narben gezeichnet. Die Wärter malträtierten den Elefanten mit Sensen, prügelten mit Ketten und Stöcken auf ihn ein.

Da ist Yabua, geschätzte 100 Jahre alt. Der Elefantenbulle überlebte alle Torturen, nun rafft ihn ein Tumor dahin. Yabua darf sich jetzt ausruhen, in Frieden, bekommt frisches Obst, darf frei grasen. Er steht unter einem der großen Sonnenschirme aus Bast.