Ein Restaurant. Kubanisch. An der Bar wird gelärmt und gelacht, geraucht und getrunken. Viel getrunken. Drei Musiker spielen auf der Bühne gegenüber. Routiniert, aber nicht gelangweilt. Kubanische Salsa. Wie an jedem Abend. Zwischen der Bühne und den Tischen: ein korpulenter Mann, nur mit Panamahut und grauen Shorts bekleidet. Sein nackter Oberkörper: tätowiert. In seinem Arm: eine kräftige Frau, die einen violetten Bikini mit Tigermuster füllt. Darüber trägt sie eine weiße Bluse, offen, der Stoff umspielt ihren Bauch. Der Mann und die Frau, sie tanzen. Schwungvoll. Ausdrucksvoll. Sie tanzen nur für sich allein vor dem Tresen. Die kubanische Musik ist Rausch genug.

Das ist die magische Seite von Key West. Sie zeigt sich selten. Selbst an diesem Platz, der berühmt geworden ist wegen seines Zaubers: der Mallory Square. Täglich grüßt hier das Murmeltier mit dem Namen Sonnenuntergang, ausschweifend zelebriert, weil eigentlich immer perfekt. Die Sonne in der Farbe einer aufgeschnittenen Papaya. Sie sinkt am Horizont in Zeitlupe vor den Augen von Hunderten von Menschen und dabei schlägt die Stunde der Paradiesvögel. Fliegende Händler dekorieren Verkaufstische, um den Touristen Trödel zu verkaufen. Einradfahrer und Seiltänzer, Jongleure und Feuerschlucker überbieten sich in ihren Shows: Sunset Celebration nennt sich dieses scheinbar spontane Happening, das seit 1984 institutionalisiert und täglich von der Key West Cultural Preservation Society ausgerichtet wird.

Mit den letzten Sonnenstrahlen sind auch die letzten Besucher weg, weiter gezogen in die Duval Street, die nächtliche Amüsiermeile. Will Soto ist der  Letzte auf der Promenade, der Feierabend macht und sein Equipment in Plastikboxen packt. Mit fast 70 Jahren und nach einem noch nicht ganz geheilten Schulterbruch, den er sich beim Sturz vom Hochseil vor zweieinhalb Monaten zugezogen hat, "geht alles langsamer", sagt er, während er Jonglierbälle, Keulen, Fackeln und Brennspiritus-Kanister einsammelt.

Es war kein guter, aber ein ordentlicher Abend. Etwa 150 Dollar in kleinen Scheinen hat er mit zwei Shows verdient. Es gab bessere Zeiten, früher. Und schönere, früher. Und weniger Konkurrenz, früher. Aber er war sicher auch ein besserer Artist, früher. "Lass uns ein Bier trinken, dann erzähle ich von früher", sagt er.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 12/2015 © MERIAN

Wir setzen uns auf die Mauer gegenüber dem kubanischen Restaurant. Die Drei-Mann-Combo hat ausgespielt. Will nimmt einen Schluck Negra Modelo, ein dunkles, mexikanisches Bier, und lehnt sich zurück in seinen Erinnerungen. Er weiß, dass nicht nur eine Show von guten Geschichten lebt, sondern auch ein Journalist.

"Ich wollte in Key West leben, seit ich vor 50 Jahren im Hafen ankam. Ich war Funker der Navy. Der Typ, der immer auf Sendung ist. ›Hey, du hast ein erstklassiges Showtalent, du solltest was daraus machen‹, haben mir die anderen in meiner Einheit gesagt." In Key West traf er auf weitere Worthelden. "Wir hingen ab, hatten Spaß, tranken viel, feierten mächtig." Will, der in Chicago aufgewachsen war, konnte etwas bildhauern und beherrschte martial arts. "In Key West hab ich dann Unterricht in Kampfkunst gegeben, davon lebte ich." Abends, am Mallory Square, vertrieb sich die Clique die Zeit. "Der eine jonglierte, der andere balancierte, der nächste musizierte. Willkommen war jeder, der ein Kunststück beherrschte." Aus der Spielerei wurde über die Jahre ein Broterwerb. "Wir haben unsere Jobs erfunden."