Wie vor hundert Jahren werden die Austern der Apalachicola Bay mit hölzernen Rechen vom Grund gefischt und direkt an Bord sortiert. © Gregor Lengler für MERIAN
I live back in the woods, you see, a woman and the kids, and the dogs, and me I got a shotgun, a rifle and a 4-wheel drive
Hank Williams Jr., "A Country Boy Can Survive"

"Waaaaskeeeennstenich’das Liiiiied?! Haaaankwilliams-juuuuunior!", hat Judy gesagt in ihrem Südstaatensingsang, der zwischen den Worten kein Luftholen kennt, sodass jeder Satz wie ein einziges langes An- und Abschwellen von Vokalen klingt. "Das Lied erklärt dir, was ein Redneck ist." Und dann hat sie es gemeinsam mit Daniel angestimmt, A Country Boy Can Survive, mit gebeugten Knien auf dem Rand des schaukelnden, alten Kahns stehend, singen sie nun und stochern dabei mit ihren langen Holzrechen unten im Wasser, um Austern vom Boden zu kratzen.

Wir haben uns in Florida auf die Suche nach dem Geist der Südstaaten gemacht, den der Redneck wie kein anderer verkörpert. Und wahrscheinlich kann man diesem Geist kaum näher kommen als bei Judy und ihrem Kollegen Daniel auf ihrem Boot am Panhandle.

Kimberly, die sehr blonde Bedienung in Sonny’s BBQ in Lakeland bei Orlando, gab uns den Tipp, es mal oben im Norden in diesem vergessenen Winkel zu versuchen. Wir kamen auf das Thema, weil auf der Speisekarte des Sonny’s Redneck Egg Rolls angepriesen wurden. Auf die Frage, ob Redneck nicht eine Beleidigung sei, antwortete Kimberly sibyllinisch: "Wenn man jemanden, der kein Redneck ist, Redneck nennt, ist der beleidigt. Wenn die falsche Person einen Redneck als Redneck anspricht, ist der Redneck auch beleidigt. Aber eigentlich ist er stolz, ein Redneck zu sein." Und im Norden Floridas, am Panhandle, da seien sie richtig stolz darauf.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 12/2015 © MERIAN

Der Florida Panhandle ist der Streifen oberhalb der nördlichen Golfküste, zwischen der Apalachee Bay und Pensacola. Die Strände bei Panama City im Herzen des sogenannten Pfannenstiels werden sogar als Redneck Riviera bezeichnet, dort feiert das wilde Volk aus Tennessee, Mississippi, Georgia und Alabama am liebsten, weil man unter sich ist: unter Südstaatlern. Im geografischen Süden Floridas sei alles zu clean, gestelzt, künstlich und schick, sagen sie, dort kaufen sich die Nordstaatler ihre Häuschen, die "New Yorker".

Im Panhandle hingegen, so geht das Klischee, weinen die Südstaatler immer noch dem vor 150 Jahren verlorenen Bürgerkrieg nach und hissen trotzig die Konföderiertenflagge. Hier lässt man sich nichts sagen, liebt Gott und verachtet den Teufel, der in Washington sitzt, vor allem wenn ein Demokrat im Weißen Haus regiert. Hier schätzt man seine Shotgun und beendet Diskussionen mit der Faust. Hier ist man unzähmbar, unbelehrbar, gestrig, tieftraurig – und trotzdem gut drauf.

"Was ein Redneck ist? Ich bin einer", sagt Shannon Beasley.

Der Hafen von Carrabelle, am östlichen Ende des Panhandle, ist unsere erste Station. Shannon, 28, lehnt dort gelassen im Türrahmen der Kajüte seines Shrimpkutters, sein rotblonder Bart schimmert im Schatten seiner Baseballmütze. Das Boot liegt am Steg wie eine entspannte, leicht verwahrloste, alte Dame, die gern mal einen Cognac trinkt und sich das eigene Alter noch nicht ganz eingestehen will. Die weiße Farbe ist abgeblättert, die Fischernetze baumeln wie zerfranste Schleier von den Masten.