Entstanden ist das Viertel ab Ende des 19. Jahrhunderts. Der neue Centralbahnhof Frankfurt, im August 1888 als damals größter Bahnhof Europas eröffnet, gab den Anstoß. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelte sich ein Renommierviertel, zu dem früh auch Geschäftshäuser, Hotels, Cafés und Restaurants gehörten. Rund 10.000 Menschen wohnten hier 1914 in prachtvollen Gebäuden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lag auch das Bahnhofsviertel in Trümmern. Kaum eines der rund 850 Gebäude blieb verschont. Wie andernorts füllten bald schmucklose Zweckbauten die Lücken. Wohlstand und Glanz waren irgendwann nur noch Geschichte. Stattdessen prägten das Rotlichtmilieu und die Drogenszene das Bild. In den achtziger und neunziger Jahren erreichte die Tristesse ihren Tiefpunkt. Aus dem einstigen Vorzeigequartier war ein Problemviertel geworden. Immer mehr Wohnungen standen leer. 2006 zählte man nur noch 2.300 Einwohner.

Die Stadt startete daraufhin ein Förderprogramm. Künstler und Kreative kamen, Feste wie die "Bahnhofsviertelnacht" zogen Menschen an, stylishe Bars und Clubs eröffneten. Das Problemviertel wurde plötzlich ein Szeneviertel, zumindest in Teilen. Denn die meisten gefragten Adressen liegen rund um die Münchener Straße. Dort geht man eben ins Maxie Eisen, in die Bar Plank, den Künstlertreff, oder ins Walon & Rosetti, nur ein paar Meter entfernt in der Moselstraße.

Auch ein Kiosk ist Kult. Dutzende Menschen stehen oft vor und im Yok Yok. Das bedeutet übersetzt so viel wie "Gibt’s nicht gibt’s nicht". Heißt: Hier gibt’s alles. Auf einem Ständer finden sich Seifen und Shampoos, in den Regalen liegen Zigaretten und Chipstüten. Die zehn Kühlschränke, die an der Wand brummen, sind randvoll mit Bierflaschen gefüllt. Regionale hessische Biere, Helles und Weißbier aus Bayern, Pils aus dem Norden, Kölsch, aber auch "Coopers" aus Australien oder "Windhoek" aus Namibia. Fast 300 Sorten hat Nazim Alemdar im Angebot. Der Anatolier ist ein Bahnhofsviertel-Urgestein, seit mehr als 30 Jahren kennt er seine Nachbarn. Er kann nicht nur viel über die Bierkultur, sondern noch viel mehr über die bewegte Geschichte seines Kiezes erzählen. Und das macht er, die Brille auf der Nasenspitze hängend, gern: "Wer in meinen Laden eintritt, gehört automatisch zur Familie."

Nicht nur im Yok Yok, im ganzen Viertel gibt es nichts, was es nicht gibt – so wie ein paar Meter vom Kiosk entfernt das Hammermuseum. In der kuriosen Sammlung im ersten Stock über der Schuhmacherei Lenz finden sich rund 1.000 verschiedene Hämmer, vom modernen Designerstück bis zur Antiquität aus dem 19. Jahrhundert. Museumsgründer Oskar Mahler zeigt Besuchern gern, welcher Hammer hier so hängt. Zum Beispiel jener, der als Tatwaffe in einem Münsteraner Tatort diente. Oder der Hammer eines Ostberliner Arztes, mit dem dieser nach der Wende Stücke aus der Berliner Mauer geschlagen hat. Mahler, Präsident des Gewerbevereins und selbst ernannter Stadtteilbildhauer, scheut keine großen Worte über sein Bahnhofsviertel: "Hier kann man das Entstehen einer neuen Kultur beobachten. Das, was wir hier haben, habe ich auf der Welt so noch nicht gesehen."

Zumindest dürfte es kaum einen Stadtteil geben, der sich innerhalb weniger Straßenzüge so unterschiedlich präsentiert. Von der Münchener Straße mit ihren Lebensmittelläden, Imbissen und Bars sind es nur fünf Minuten bis zu den Bordellen, Tabledance-Bars und Striplokalen. Wer über die Kaiserstraße durch die Moselstraße weiter in Richtung Taunusstraße läuft, findet in diesem Block reichlich rot erleuchtete Fenster und blinkende Herzen über den Hauseingängen. Neue Bordelle lässt die Stadt schon länger nicht mehr zu, aber die vorhandenen Etablissements sind noch da.

Genauso wie die Junkies. Besonders vor dem Druckraum in der Elbestraße stehen sie. Dort können die Abhängigen sich ihren Stoff mit sauberen Spritzen injizieren. Im Notfall wird hier Erste Hilfe geleistet. Drei solcher Räume gibt es seit Mitte der 1990er Jahre rund um den Hauptbahnhof. Sie sind Teil des liberalen "Frankfurter Weges" in der Drogenpolitik, über den sich Delegationen aus aller Welt bei Besuchen in der Stadt informieren. Fast 150 Drogentote zählte die Stadt 1991, jetzt sind es oft weniger als 30 im Jahr. Kleiner geworden ist die Szene in den vergangenen zehn Jahren zwar nicht. Doch Angst, versichern sie allerorts im Viertel, müsse kein Unbeteiligter haben. Die allgemeine Kriminalitätsgefahr, heißt es bei der Polizei, unterscheide sich nicht wesentlich von anderen Teilen des Stadtzentrums.