Federleichtes Rüstzeug für besondere Anlässe: Der festliche Kopfschmuck bei August Pfüller in der Goethestraße heißt im Fachjargon "Fascinator". © Georg Knoll für MERIAN

Die Frankfurter Goethestraße ist nicht besonders schön, darf man das sagen? Sie ist aber auch nicht hässlich. Es ist eine durchschnittliche, mittelangenehme Allerweltsstraße, und wenn man sich beim Betrachten der Straße ganz auf den breiten Radweg in ihrer Mitte konzentriert, gilt dies auch für die Verkehrsteilnehmer. Da sitzen meistens völlig unauffällige Durchschnittsmenschen wie du und ich auf den Fahrrädern. Die wollen von A nach B.


Auf dem Fußweg, auf dem Parkstreifen und in den Geschäften sieht es anders aus. Teure Anzüge, schwerer Schmuck, hin und wieder ein Herr mit Kopftuch im weißen Gewand oder ein auffällig hübsches Gesicht, das seiner Besitzerin nicht in die Wiege gelegt wurde. Dieses Gesicht ist eine Skulptur, an der vielleicht ähnlich sorgfältig gearbeitet wurde wie an der Nofretete. Solche Menschen wollen nicht von A nach B, die wollen genau hier hin, in die Goethestraße. Im Volksmund heißt sie "Luxusgasse". Die zahlreich parkenden Automobile sind in der Regel ähnlich exklusiv wie eine Tasche von Prada.

Es kann nicht sehr viele Leute geben, die zum Beispiel für eine Uhr 50.000 Euro ausgeben können und dies auch tun. Denkt man. Aber es stimmt nicht. In einigen Städten gibt es eine ganze Straße, die sich weitgehend auf die Bedürfnisse dieser Kundschaft eingestellt hat, in Düsseldorf die Königsallee, in München die Maximilianstraße, in Berlin Teile des Kurfürstendamms. Die Goethestraße hat ein ähnliches Angebot, Mode und Schmuck sind stark vertreten, Chanel, Armani, Versace, von den üblichen Hochpreisverdächtigen fehlt kaum einer, insgesamt sind es um die 30 Markenläden.

Die Goethestraße oder auch Luxusgasse, ein paar Meter östlich der Alten Oper gelegen, unterscheidet sich von ihren Schwestern in den anderen Metropolen durch ihre geringe Länge, sie misst nur ungefähr 280 Meter. Deshalb, und wegen des breiten Radweges, wirkt sie geradezu beschaulich. Frankfurt gilt wegen der Banken und der Hochhäuser bei den meisten nicht als süß und kleinteilig, aber wenn du Milliardär bist, dann hat Frankfurt ein Kleinstadt-Ambiente.

Der Luxus bietet sich hier in extrem konzentrierter Form dar, wie ein Soßenfond, der mehrere Stunden lang eingekocht wurde. Für reiche Menschen, die auf dem Weg zum Reichtum ein wenig älter geworden und schlecht zu Fuß sind, gibt es auf der Welt vermutlich kaum etwas Besseres.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016 © MERIAN

Außerdem liegt die Luxusgasse direkt neben der Fressgass’. Die Fressgass’, eine Fußgängerzone mit Feinkostläden, Restaurants und Cafés, heißt sogar offiziell so, der Name steht auf den Straßenschildern unter der amtlichen Bezeichnung. Amtlich heißt die Fressgass’ vorne Große Bockenheimer Straße, hinten Kalbächer Gasse, oder umgekehrt, je nachdem, von wo man guckt.

Zusammen ergeben Fressgass’ und Luxusgasse einen 600-Meter-Rundkurs, der auch in bequemstem Tempo in einer halben Stunde absolviert werden kann, bei Bedarf geht das auch mehrfach. Kaufen und Fressen, dann wieder Kaufen und dann wieder Fressen – ein gesellschaftskritischer Künstler, jemand wie Bert Brecht oder Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel, müsste sich hier nur mal eine Stunde an eine Ecke stellen, schon wäre die Idee für das nächste gesellschaftskritische Kunstwerk da. Eine Figur würde "Der reiche Russe" heißen, eine andere "Der reiche Araber", eine dritte "Die schöne junge Verkäuferin im schwarzen Kostüm, die ständig telefoniert". Diese drei sieht man in der Goethestraße öfter, wenn man durchs Fenster in die Läden hineinschaut.

Für hessische Ohren klingt das Wort "Fressen" weniger grob als für Angehörige anderer Volksstämme. Der Name Fressgass’ ist durchaus positiv gemeint. Wenn die Frankfurter nämlich irgendetwas überhaupt nicht sind, dann genussfeindlich. Auch Goethe hatte diese Ader: gutes Essen, edle Klamotten. Um nachempfinden zu können, wie entspannt der Frankfurter solche Dinge sieht, muss man nur einmal versuchen, den Begriff "Lagerfeld-Laden" ins Hessische zu übersetzen und nachzusprechen: Laacherfeldlädsche – ei du, isch geh nochemal schnell ins Laacherfeldlädsche.