Am Museumsufer ist mir das Liebieghaus trotz der Nachbarschaft des imposant erweiterten Städels der liebste Ort – einerseits wegen seiner herrlichen Sammlung von Skulpturen von der Antike bis zum Klassizismus, die man werktags oft in großer Ruhe betrachten kann, andererseits wegen der familiären Atmosphäre, die in der ehemals privaten Villa am Schaumainkai herrscht, bis hin zum selbst gemachten Kuchen im Gartencafé. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mains winken Oper und Schauspiel mit Programmen, auf die man aus den echten Großstädten nicht mehr nur mit Respekt, sondern durchaus auch mit Neid schaut. Und wenn das Freie Deutsche Hochstift nicht mehr allein im Goethehaus am Großen Hirschgraben ein Schaufenster hat, sondern seine jahrhundertelange engagierte Forschungs- und Sammlungstätigkeit künftig im geplanten Romantik-Museum sichtbar machen kann, wird der Geist jener Epoche, die uns Deutsche bis heute prägt, am Main auf einzigartige Weise zu erleben sein.

Die Institution jedoch, die ich von allen Wasserlöchern des Kulturlebens in Frankfurt am häufigsten besucht habe und der ich mich am innigsten verbunden fühle, ist das Literaturhaus. Dessen Umzug aus der gemütlichen Villa im Westend in die herrschaftliche, aber nicht gerade zentral gelegene Alte Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht war für Leitung und Mitarbeiter und auch für das Publikum eine – bestandene – Herausforderung. Denn in Frankfurt wird keineswegs automatisch alles bejubelt, was nach außen hin fraglos eine Verbesserung darzustellen scheint. Zumal die Politik danach trachtet, Frankfurt und die Region Rhein-Main auf Augenhöhe mit Berlin, Hamburg und München zu heben. Die Frankfurter aber wissen, dass zwar viele Wege in die genannten Metropolen führen, aber kaum einer an ihrer Stadt vorbei. In meinen Jahren hier habe ich mich daran gewöhnt, dass häufiges Unterwegssein und der Schlaf im eigenen Bett keine Gegensätze sein müssen, weil man es vom Main aus nirgendwohin richtig weit hat – die Nähe des Großflughafens ist einer der vielen lebenspraktischen Vorzüge dieser Stadt, in der zum Glück fast alle Wege kurz sind.

Viermal bin ich in meiner Frankfurter Zeit umgezogen, zunächst vom Nordend ins nördliche Westend, von dort gen Süden nach Niederrad und zum Schluss noch mal nach Neu-Isenburg, das offiziell zu Offenbach gehört. Dass die Jahre in Niederrad die schönsten waren, hat vor allem mit dem zinnenbewehrten Main Plaza Hotel zu tun, genauer: mit der darin untergebrachten Harry’s New York Bar, wo ich vor zehn Jahren den wahrscheinlich folgenreichsten Cocktail meines Lebens zu mir nahm. Danach lernte ich Frankfurt und Umgebung an der Seite meines Mannes und seiner Kinder noch mal ganz neu kennen; allen voran das Papageno-Theater im Palmengarten, das Senckenbergmuseum, den Feldberg zur Pilz- und Rodelsaison, den Wildtierpark Alte Fasanerie in Hanau, das Niederräder Licht- und-Luft-Bad, den herrlich weitläufigen Spielplatz im Holzhausenpark, bei schlechtem Wetter das Rebstock-Bad, bei Sonne die mobile Brasil-Cocktailbar am Mainufer. Überhaupt der Main: Im Sommer ist er der Hauptanziehungsort, ganz gleich, ob man zur Gerbermühle radelt oder spaziert oder auf Inline-Skates vom Offenbacher Hafen vorbei am Rumpenheimer Schloss bis nach Mühlheim fährt.

Was Frankfurt ausmacht, sind aber letztlich nicht die Orte und Spielstätten, die Geschäfte und Lokale, ja nicht einmal die jährliche Buchmesse (obwohl die eine besondere Rolle spielt) – es sind die Menschen in ihrer für Frankfurt typischen und in der Republik einzigartigen Mischung aus Finanz, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Es sind Kinobesuche, bei denen man bei einem Film in der Originalfassung von Türkisch über Urdu, Russisch und Spanisch bis hin zu australischem Englisch jede Sprache im Publikum vernimmt außer Deutsch. Es ist ein Friseursalon wie "Headlines" im Westend, wo eine in Polen aufgewachsene Britin zusammen mit einem Südafrikaner und einer Sizilianerin ihren Kundinnen und Kunden den Kopf nicht nur äußerlich erfrischen und man anschließend bei Petersen nebenan ein kleines Vermögen für Delikatessen ausgeben kann. Fremdes und Fernes familiär und verwandt erscheinen zu lassen, das ist Lebenskunst à la Frankfurt.

Der typische Frankfurter, wie ich ihn wahrnehme und wie ich bis vor Kurzem selbst einer war, ist nur selten hier geboren oder aufgewachsen. Er kam des Jobs oder des Studiums wegen, hatte keine großen Erwartungen an die Stadt und beschloss, das Beste aus seiner Zeit hier zu machen. Diese Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich einzulassen, spürt man auf Schritt und Tritt. Und wer sie mitbringt, kann sich auf positive Überraschungen gefasst machen in einer Frequenz, die das Bleiben leichter macht als das Gehen.

Nur eines ist schade: dass viele Menschen immer noch so wenig wissen über diese großartige Stadt. Ich werde Frankfurt jedenfalls auch von München aus Liebeserklärungen machen – nicht aus Notwehr, sondern aus Überzeugung.