Der Wachturm und die alte Sportarena erinnern noch an das ehemalige Militärgelände. © Isabela Pacini für MERIAN

Wenn es in Deutschland einen Preis für die Kita mit der besten Personalausstattung gäbe, hätte der Wald- und Naturkindergarten "Little Franklin" in Mannheim beste Chancen auf eine Prämierung. Als er im September 2016 auf dem Gelände des Benjamin Franklin Village eröffnete, einst die größte amerikanische Wohnsiedlung auf deutschem Boden, betreuten die beiden Erzieherinnen genau zwei Kinder. Die hatte Astrid Nystroem, die Leiterin des Kindergartens, von ihrer vorherigen Arbeitsstätte im 20 Kilometer entfernten Schwetzingen "mitgebracht", als sie zu "Little Franklin" wechselte. "Wir waren hier startklar", erinnert sie sich, "aber die ersten Menschen zogen erst ein Jahr später ein. Hier war nichts."

Mittlerweile passieren morgens etwa 20 Kinder die kleine Holzpforte am Eingang. Es hat sich herumgesprochen, wie wohl sich die Drei- bis Sechsjährigen fühlen in diesem verwunschenen, in Containerbauten untergebrachten Provisorium, mit selbst gezimmertem Vordach und Kompostklo, aus dem kürzlich die erste Erde für das Gemüsebeet gewonnen wurde. In letzter Zeit, berichtet Astrid Nystroem, "werden wir geradezu überflutet mit Anfragen". 20 bis 30 Mails und Anrufe gehen wöchentlich bei ihr ein – jetzt, wo immer häufiger die Umzugswagen anrücken.

Das größte Abenteuer wartet auf die Kinder, wenn sie mit ihrem Bollerwagen in Richtung Wald ziehen. Dann erleben sie, wie ein riesiges Gelände im Baufieber daliegt. Schwere Bagger mit hummerscherenartigen Greifern langen in Gebäude, die wie Kartenhäuser zusammenfallen. Dann bebt die Erde unter den Füßen der Kinder, und wenige Schritte weiter bestaunen die Kleinen Skelette von Häusern, die von Woche zu Woche höher in den Himmel wachsen. "Für die Kinder ist das eine tolle, wilde Sache", sagt Astrid Nystroem. Manchmal steigt einer der muskelbepackten Männer aus dem Führerhäuschen seines Baggers und erklärt, was er und seine Kollegen da machen. "Wir bauen hier einen neuen Stadtteil."

Sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, im Mannheimer Norden, ist ein deutschlandweit beispielloser sozialer Freilandversuch zu besichtigen. Die ehemalige Wohnsiedlung Benjamin Franklin Village, die zu ihren Hochzeiten bis zu 10.000 Amerikaner beherbergte, Soldaten und ihre Familien, durchläuft gerade die finale Phase einer mehrjährigen Metamorphose zu einem Wohnviertel für 9.000 Menschen. Die Verwandlung des Geländes, das mit 144 Hektar so groß wie die Mannheimer Innenstadt ist und ganz einfach Franklin heißt, ist Deutschlands größtes Konversionsprojekt – und nach dem Willen seiner Schöpfer auch eine Vision vom künftigen urbanen Zusammensein, gemeinsamer Lebensraum für eine bunte Mischung aus Bewohnern, vom Mieter mit Wohnberechtigungsschein bis zum Eigenheimbesitzer, energetisch vorbildlich und mit smartem Verkehrskonzept. "Ein Stadtteil, der neue Maßstäbe setzt, nicht nur in Mannheim", so hat es Oberbürgermeister Peter Kurz von der SPD versprochen.

Die während des Koreakrieges in den Fünfzigerjahren gebaute Siedlung war einmal eine richtige amerikanische Stadt – mit Kino, zwei Supermärkten, Schulen, Kindergärten, Stadion, Zahnklinik, Nightclub und Casino. Noch Jahre nachdem die letzten Soldaten das Gelände verlassen hatten, fuhr eine ehrenamtliche Tierschützerin täglich aufs Gelände und versorgte die zurückgelassenen Katzen. Ein Hausmeister leerte die Briefkästen; die Mahnungen und Vaterschaftsklagen warf er irgendwann weg.

Anfangs warnten die Stadtplaner, die Horrorvision eines neuen Wohngettos vor Augen: "Lasst die Finger von dem Gelände, das ist viel zu weit vom Stadtzentrum entfernt, das braucht kein Mensch." Aber dann wurde auch in Mannheim der Wohnraum knapp. Und wann sonst bietet sich schon die Chance, ein komplett neues Stadtviertel zu entwerfen?

Dieser Artikel stammt aus MERIAN-Heft Nr. 12/2018 © MERIAN

Die meisten Experten empfahlen einen weitgehenden Kahlschlag. "Jeder Investor hat uns vorgerechnet, dass es am billigsten wäre, sämtliche Gebäude abzureißen und komplett neu zu bauen", sagt Achim Judt, Geschäftsführer der städtischen Konversionsgesellschaft MWSP, die das Gelände entwickelt. Doch die Idee eines geschichtslosen Neubauquartiers wurde schnell verworfen. Das bauliche Erbe aus der "amerikanischen Zeit" und neue Entwürfe sollten auf Franklin eine Symbiose eingehen.

Allerdings mussten schließlich doch etwa drei Viertel der alten Gebäude abgerissen werden – allein das strikte deutsche Baurecht verhinderte, dass viele Gebäude stehen blieben. Damit aber auf dem freien Gelände kein uniformes Häusermeer entsteht, teilte die MWSP das Areal unter 21 Investoren auf. Die einen sanieren Reihen- und Doppelhäuser, andere setzen schicke Stadtlofts in ehemalige Hallen, bauen Mehrgenerationenhäuser und, ganz klassisch, Einfamilienhäuschen, lauschig am Waldrand gelegen.

Auch etwa hundert Sozialwohnungen entstehen. Sie werden vor allem in den dreigeschossigen, in Reih und Glied ausgerichteten Wohnblockzeilen Platz finden, in denen früher einmal die Soldaten mit ihren Familien wohnten. "Franklin darf keine Insel der Glückseligen sein", warnt Klaus Elliger, oberster Mannheimer Stadtplaner, vor allzu großem Eigenheimidyll. "Es soll ein Stück Mannheim werden." Die Bandbreite reicht von 7,50 Euro Miete pro Quadratmeter in den sanierten Sozialwohnungen bis zum Kaufpreis von 600.000 Euro für ein Einfamilienhaus. Im Zentrum des neuen Stadtteils sind vier Hochhäuser geplant, von denen jedes einen Buchstaben des Wortes "Home" formen wird. Sie sollen Franklins neue Skyline prägen und den Käufern der Penthouse-Wohnungen beste Sicht bieten – in die Ferne oder auf die Mieter unter ihnen.