"Wir sind Wimbledon" prangt groß auf dem gelben Banner an der Wand des Kingsmeadow, dessen Ränge bei Heimspielen prall gefüllt sind mit treuen Fans. © Horst Friedrichs für MERIAN

Drei kantige, wie aus Lego-Steinen zusammen gebastelte Tribünen, ein versehentlich zu lang geratener Fahrradschuppen. That’s it. Ja: Es gibt, um es mit britischer Höflichkeit zu sagen, einige Spielstätten in London, die eine Spur imposanter sind als das Kingsmeadow Stadion des Drittligisten AFC Wimbledon. Wer aber in der Welthauptstadt des runden Leders nicht nur den Glitzer und Glamour der großen Premier-League-Vereine und ihrer von internationalen Investoren alimentierten Stars sucht, sondern so etwas wie die Seele des schönen Spiels, der findet sie hier – im schläfrigen Vorort Kingston upon Thames.

Gut versteckt hinter einer klapprigen Kleinbürger-Häuserzeile zwischen einer Kläranlage und einem Billig-Supermarkt spielt ein großes Fußballmärchen. Die Geschichte des AFC erzählt von brutalen Marktmechanismen und skrupellosen Besitzern. Ihre Helden sind die Fans, die dem Irrsinn eines aus den Fugen geratenen Sports ihre eigene, von Liebe befeuerte Verrücktheit entgegensetzen und mit einer waghalsigen Neugründung den Verein vor dem sicheren Ende bewahrten.

"Wir sind nicht normal. Wir sind sogar ziemlich crazy", erklärt Ivor Heller, der Mitgründer des AFC, und dann lacht der kugelrunde Mann so laut los, dass in dem von unten bis oben mit Wimbledon-Devotionalien, alten Platten und anderen Kuriositäten vollgestopften Rumpelkammer, die als Stadionbüro dient, die dünnen Wände wackeln.

Heller, 52, geht schon seit den siebziger Jahren zu den "Dons", die damals noch als FC Wimbledon firmierten und im charmant vor sich hinrostenden Stadion an der Plough Lane unweit vom Ortskern ohne große Ambitionen in der vierten Liga spielten. "Jeder kannte jeden, wir waren eine große Familie", erinnert er sich wehmütig. Unter Trainer Dave Bassett wurde der unscheinbare Traditionsverein ab 1981 urplötzlich erfolgreich. Wimbledon stieg drei Mal auf und etablierte sich mit knochenhartem Hoch-und-Weit-Fußball überraschend eindrucksvoll in der ersten Liga. Die auf der Insel als "Crazy Gang" berüchtigte Truppe um Raubein Vinnie Jones, der später als Schauspieler in Hollywood reüssierte, gewann 1988 sogar den FA-Pokal gegen den FC Liverpool.

Die phänomenale Underdog-Story verkam jedoch bald zum Albtraum. Da Plough Lane nicht mehr den modernen Sicherheitsanforderungen entsprach, mussten die Dons 1991 als Untermieter von Crystal Palace FC im zehn Kilometer entfernten Selhurst Park einziehen. Wimbledons Eigentümer, der libanesische Geschäftsmann Sam Hammam, verkaufte derweil das Plough-Lane-Grundstück für umgerechnet acht Millionen Euro an eine Supermarktkette und den Klub an ein norwegisches Konsortium.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN, Heft Nr. 08/2018. © MERIAN

Im Exil verlor der Verein seine Identität. Viele Anhänger boykottierten die Spiele. Nach dem Abstieg in die zweite Liga 2000 spielten die Dons am Rande der Insolvenz. Den Besitzern kam eine Idee. Was wäre, wenn man den Klub von der fußballerisch verwöhnten Metropole 100 Kilometer weiter nördlich in die Trabantenstadt Milton Keynes verpflanzen würde? Heller, damals Vizepräsident, trat von seinem Amt zurück. "In anderen Klubs hätte dieser absurde Plan gewaltsame Ausschreitungen nach sich gezogen. Aber wir versuchten, mit Würde und Witz dagegen zu protestieren", erzählt er.

Heller und eine Hundertschaft Gleichgesinnter froren sich in Sitzblockaden "den Hintern ab", warfen sich vor den Mannschaftsbus, charterten Flugzeuge, die mit Bannern über das Stadion flogen, auf denen vor dem bevorstehenden Tod des Vereins gewarnt wurde.

Es half alles nichts. Am 28. Mai 2002 gab ein Schiedsgericht des englischen Verbandes dem Antrag der Klubführung statt. Die Besitzer hatten argumentiert, dass Wimbledon ohne den Umzug nicht länger überlebensfähig sei. Das Team wurde flugs in "MK Dons" umbenannt. Und die Londoner Fans blieben entsetzt auf der Strecke.