Halkyonische Tage, das waren einst für die Seeleute jene sieben Tage um die Wintersonnenwende, an denen das Meer von gleichsam beunruhigender Ruhe war. An solch einem halkyonischen Morgen kletterte ich mit dem zweiten Band der gesammelten Werke von Adalbert Stifter über den Stacheldrahtzaun, der das Jagdhaus Razone umgibt.


Diesen Ort hatte der Schriftsteller und Maler Anton Ritter von Perger mit größter Wahrscheinlichkeit um 1840 besucht und nach der Rückkehr von seiner Italienreise dem Freund Adalbert Stifter geschildert. Dieser machte in seiner Erzählung "Zwei Schwestern" aus dem Jagdhaus das Haidhaus genannte Landgut, in dem zwei junge Geigenvirtuosinnen in Gesellschaft von Vater und Mutter in einer Ödnis aus "Millionen Steinen" leben.

Stifter selber hat den Gardasee niemals mit eigenen Augen gesehen und doch mit dem präzisen Auge des Poeten die Physiognomie, das Wesen dieses Gewässers und seines Ufers erkannt und beschrieben. Die einsame, schroffe Natur der Hochebene auf seiner Westseite. Geröll, Felswände, Schatten und der Widerhall von Adlerschreien aus der Höhe erratischer Steinblöcke.

Tannen und Zypressen säumten den Weg zu dem steingrauen Jagdhaus von 1648. Die Buchenbäume trieben schon, doch ihre Blätter waren noch lange nicht zu Erde geworden, sondern knisterten trocken unter dem Schritt, während ich zur Hauskapelle emporstieg. Giftgrün leuchtete im Sonnenlicht die geschlossene Kirchentür, über der eine kleine Madonna ihre Arme ausbreitete. Ziegenkot lag in harten Krumen auf den gebrochenen Steinstufen. Ich setzte mich auf eine Mauerbrüstung, zog mein Fernglas hervor, richtete die Linse auf See und Berge und schaute hinab und hinüber.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016 © MERIAN

Mein Blick schweifte nach Süden. An diesem Morgen streckte sich Sirmione wie eine metallschwarze Zunge in den halluzinatorisch leuchtenden See. Die Eltern des römischen Dichters Catull besaßen in dem Ort ein Landhaus, wo er sich "von Sorgen frei fühlte", fern von der bestrickenden, untreuen, zehn Jahre älteren Clodia und deren unzählbaren Küssen. Immer wieder musste ich das Glas abnehmen und die Augen schließen, so stark war die Blendung der Sonne. So schaute ich ein Stück weiter rechts auf die Rocca di Manerba: ein roter Felsblock aus Eozängestein. Immer, heißt es, sei die Rocca warm. Im Januar trillern dort die Lerchen schon.

Vor fünfzig Jahren wuchsen auf der Rocca noch Olivenbäume, und wenn die Männer und Jungen im Dezember den Oliven das faule Mark aus der Rinde schnitten, dann sangen sie laut, und die Mädchen, Rebenzweige zu Bündeln legend, antworteten im Gesang. Von morgens bis abends wurde um den See herum gesungen, auch in San Vigilio am Ufer gegenüber, das mir jetzt in den Blick geriet. Dort, wo der Monte Baldo, dessen roter und gelber Marmor einst in alle Welt ging, sich mit seinen Klüften und Rissen den Rücken streckt und in den See ausläuft, dort steht eine Kapelle und darin der Traumdeuter Daniel mit der mittelalterlichen Zauberformel en somnii explanatio in der Hand: Im Traum liegt die Antwort.