Als ich ankomme, ist der See nicht zu sehen. Völlig erledigt bin ich mit einem Kleinwagen vom Flughafen Florenz durch die nächtlichen Hügel gefahren, beim Dörfchen Garda erreiche ich endlich das Ufer. Es ist dunkel und arschkalt, das Wasser schwarz und alle Restaurants sind geschlossen. In meinem Hotel am Hafen steht eine Hintertür auf, aber niemand ist zu sehen. "Hallo?" Nur im zweiten Stock brennt Licht. "Ist da jemand?" Schlurfende Schritte, ein älterer Herr mit einer Lesebrille auf der Nase und einer Glühbirne in der Hand biegt um die Ecke. Ich sage meinen Namen, er schüttelt den Kopf und drückt mir einen riesigen Messingschlüssel in die Hand. "Benvenuto" sagt er, und: "Calma e sangue freddo!" Ruhig Blut!


Ich bin spät dran mit dem, was ich vor mir habe. 158 Kilometer auf einer der schönsten Straßen der Welt: der Gardesana. 158 Kilometer am Wasser entlang, von Garda über Malcesine das Ostufer hoch nach Riva, dann am Westufer runter in den sanften Süden. Uferpromenaden, Klippen, Kiesstrände. Villen, Rusticos, winzige Gassen. Auf den Spuren von Goethe und Rilke und Kafka. Ein Roadtrip um einen deutschen Sehnsuchtsort, auf der Suche nach dem Mythos des süßen Lebens. Immer ist mir irgendetwas dazwischen gekommen, fieberhafte Arbeit, fiebernde Kinder. Jetzt stehe ich am Ufer und gucke in die Dunkelheit.

Erst mal ein Abendspaziergang, hungrig und müde. Der einzige Laden, der noch geöffnet hat, ist eine Art Motorradkneipe an der Durchgangsstraße. "La Meta". Ein eigentümlich passender Ort für den Auftakt eines Roadtrips, an den Wänden hängen amerikanische Verkehrsschilder und Filmplakate. Ich setze mich in eine Ecke und rechne mit Fertigpizza und Bier, aber dann zapft die Barfrau einen fantastischen Valpolicella Ripasso aus dem Fass, und auch die Pizza ist großartig. Langsam füllt sich der Laden, hier sammeln sich die Hungrigen, Locals und Touristen. Jeder scheint mit jedem zu reden.

Nach dem zweiten Glas komme ich mit einem drahtigen Holländer im orangeblauen Radtrikot ins Gespräch. Ich sei hier, um einmal um den See zu fahren, sage ich. Der Gardasee sei sein Wohnzimmer, antwortet Erik, jedes Jahr drehe er hier seine Runden. "Trainingslager", sagt er, "zwei Wochen lang". An manchen Tagen fahre er komplett um den See, dann wieder nur zur Hälfte, manchmal hoch in die Berge, manchmal nur am Ufer entlang. Eine Herausforderung! Erik rattert die Ortsnamen herunter, Westufer, Ostufer, zu jedem einzelnen hat er eine Radfahrerweisheit parat. Er fährt am liebsten im Winter, die Luft sei hervorragend. "Der Gardasee im Winter", sagt Erik und hebt sein Mineralwasser, "ist der bessere Gardasee."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2016. © MERIAN

Als ich am nächsten Morgen das Hotel verlasse, ist Erik vermutlich längst schon halb um den See geradelt. Dunst liegt über dem Wasser, ein paar Handwerker schrauben eine Geisterbahn zusammen. Ausgerechnet! Der Miet-Fiat steht erwartungsvoll auf dem Parkplatz, ich stelle den Kilometerzähler auf null. Und los!

Langsam gurke ich die Bucht von Garda entlang nach Norden, aber schon nach drei, vier Kilometern muss ich anhalten. Der See unter mir schimmert im diffusen Morgenlicht, als wolle er mir etwas beweisen. Ich steige aus und spaziere zwischen Olivenbäumen und Zypressen hinunter zum Ufer. So in etwa wird sich Goethe gefühlt haben, als er 1786 den Gardasee zum ersten Mal sah, denke ich. Und all die Deutschen, die sich seit seiner "Italienischen Reise" auf die Suche nach dem schönen Leben gleich hinter den Alpen gemacht haben.

Am Ende einer Zypressenallee liegt die verwunschene "Locanda San Vigilio" im bleichen Uferschilf. Das Haus steht direkt am Wasser, die Farbe blättert ab, Moos kriecht über die Schindeln. Ein winziger Hafen, eine einsame Platane, ein paar zusammengeklappte Gartenstühle. Das klare Wasser plätschert, sonst ist nichts zu hören. In der Saison beherbergen die jahrhundertealten Gebäude ein kleines, aber exklusives Hotel, ein Restaurant und eine Taverne, aber jetzt herrscht Ruhe, mein Telefon hat keinen Empfang, die Gedanken geraten ins Schweben. Obwohl es kühl ist, weiß man genau, wie sich der Sommer hier anfühlt. Wie italienisch, wie warm. Das Geschnatter der Gäste liegt in der Luft, Gläserklirren, das Lamentieren, Loben, Lachen der Kellner. Ich setze mich auf die Steine und starre auf den See hinaus, wie lange, weiß ich nicht.