Viele Türen führen ins Herzstück der Alhambra, zum Löwenhof. Und schon diese Pforten sind filigrane Kunstwerke aus edlem Holz und Stein. © Tim Langlotz für MERIAN

Die Alhambra ist Wasserplätschern, Blütenduft und der Geschmack von Granatäpfeln. Sie ist ein Kunstwerk aus Springbrunnen und paradiesischen Gärten, so wie sie der Koran im Jenseits verspricht. Sie ist eine Festung, bewehrt mit Zinnen und Türmen auf einem Hügel über den Dächern von Granada. Rötlich leuchten ihre Mauern, besonders in der Abendsonne; "die Rote" bedeutet auch ihr Name. Sie ist eine eigene Stadt, die sich selbst versorgen kann, mit Moscheen und Badehäusern, einer Schule für islamische Wissenschaften, Werkstätten, Ställen, einer Gerberei.

Hier kommt Boabdil um 1459 als Sohn des Emirs von Granada zur Welt, eigentlich heißt er Abu Abdallah. Hier wächst er heran und steigt selbst zum Herrscher auf. Und hier rüstet er sich am 21. April 1483 für den Krieg gegen die Christen, als Verteidiger des letzten muslimischen Reiches in Westeuropa.

Als Boabdil geboren wird, sind fast 750 Jahre vergangen, seit die Streitmacht Allahs von Nordafrika auf die Iberische Halbinsel übersetzte. Araber und Berber hatten ab 711 binnen kurzer Zeit fast die ganze Halbinsel erobert und hier ihr eigenes Reich gegründet, das sie al-Andalus nannten.

Doch noch im 8. Jahrhundert begannen christliche Adelige mit der Reconquista, der Rückeroberung, und al-Andalus schrumpfte immer weiter – bis nach rund 500 Jahren nur noch ein kleines Territorium im äußersten Süden übrigblieb: das Emirat um die Stadt Granada. Dort erbauten Boabdils Vorgänger von 1238 an nach und nach die rote Burg.

1482 starten die christlichen Herrscher wieder einmal einen Feldzug, um die Reconquista zu vollenden und das Emirat zu unterwerfen. Diesen Streifen Land, der sich gut 300 Kilometer am Mittelmeer entlangzieht, an der engsten Stelle kaum mehr als 20 Kilometer breit, etwa so groß wie Brandenburg. Im selben Jahr putscht sich Boabdil in Granada an die Macht, um seinen Vater zu stürzen. Während
der gerade Krieg führt, übernimmt Boabdil kampflos die Kontrolle über die Alhambra. Angestiftet hat ihn wohl die eigene Mutter. Der Vater, ein hitzköpfiger, grausamer Mann, der den Kampf liebt, behält weiterhin die Macht im westlichen Teil. Ausgerechnet jetzt, wo die Mauren, die Muslime auf der Iberischen Halbinsel, zusammenstehen müssten gegen die Christen, die mehr Soldaten haben und bessere Waffen, spaltet Boabdil das Reich.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2018 © MERIAN

Vielleicht will Boabdil beweisen, dass er wie sein Vater ein mutiger Kämpfer ist, als er an jenem 21. April 1483 Schwert und Rüstung anlegt. Auf einem edlen Schimmel reitet er an der Spitze seiner Streitmacht, 1.500 Kavalleristen und 7.000 Fußsoldaten. Er ist bereit für seine erste bedeutende Schlacht, für einen Gegenangriff auf die Christen.

Doch Boabdil taugt nicht zum großen Krieger. Schon als er durchs Stadttor aus Granada reitet, knallt er mit seiner Lanze gegen den Torbogen, sodass die Spitze bricht. Am nächsten Tag, er will gerade mit seiner Armee einen Fluss überqueren, greifen die Christen plötzlich von hinten an. Panik bricht aus, seine Soldaten fliehen. Boabdil nicht: Sein Pferd steckt im Schlamm fest. Sein Schwert kommt nicht mehr zum Einsatz, die Gegner packen den Emir, setzen ihn auf ein Maultier und bringen ihn als Gefangenen in die Stadt Córdoba – zu Ferdinand und Isabella.

Die beiden sind das Power-Couple des Katholizismus. Sie Königin von Kastilien, er König von Aragón: Zusammen gebietet das Ehepaar über die bedeutendsten Christenreiche auf der iberischen Halbinsel und begründet so de facto Spanien. "Ein einziger Wille in zwei Körpern" seien die Monarchen, schreibt ein Chronist. Und dieser Wille ist ganz darauf ausgerichtet, sich die letzte Bastion der Muslime untertan zu machen. "Die Katholischen Könige" werden die beiden Herrscher wegen ihres religiösen Eifers genannt.