Aufregung und Vorfreude herrschen an diesem Novembertag im Jahr 1899. Im großen Bibliothekssaal des Leipziger Kunstgewerbe-Museums tänzeln Dutzende Damen und Herren der guten Gesellschaft zwischen großen Haufen prächtiger Kleidung umher: goldbestickte Schleppgewänder, spitze Hauben mit langen Schleiern, fantasievolle Kreationen mit jugendstilartigen Ornamenten. Man probiert an, tauscht sich aus und bereitet sich auf den großen Auftritt vor, den Museumsdirektor Richard Graul geplant hat: ein buntes Kostümfest, für das hier geprobt wird.

Wer heute den Art-déco-Bau des Museums für Angewandte Kunst besucht, dem mag es für ein farbenfrohes Event wie geschaffen erscheinen. Damals aber war man noch weit entfernt von solchen Extravaganzen. Seit vier Jahren hatte das 1874 gegründete Museum ein neues Heim, finanziert mit einem Teil der über zwei Millionen Mark, die der Kaufmann Franz Dominic Grassi der Stadt Leipzig hinterlassen hatte.

Ein vollendeter, wenn auch etwas exzentrischer Gentleman soll er gewesen sein, kulturbegeistert – und Junggeselle, als er 1880 starb. Deshalb ernannte der wohlhabende Bürger die Stadt Leipzig zur Haupterbin und versah das Testament mit der Anmerkung, dass das Vermögen für "Annehmlichkeiten und Verschönerungen unserer Stadt zu verwenden" sei.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2015 © MERIAN

Glück für Direktor Graul, der sich in dem Neubau nun in allgemeiner Geschmackserziehung versuchen kann. Er hat Erfolg, die Sammlung wächst, das Publikum auch, aber nicht in ausreichender Zahl. Die Leipziger zeigen einfach zu wenig Interesse. Zumindest sieht das der schnauzbärtige Kunsthistoriker Graul so und will zum 25-jährigen Jubiläum des Museums die feine Gesellschaft "durch einen Gewaltakt erobern", wie der Architekt Fritz Schumacher festhält.

Er meint damit das Spektakel, das er für Graul verfasst hat, denn für ihn ist klar, dass man die Männer nur über die Frauen und die Frauen nur über ein Fest ins Museum bewegen könne.

Am 14. November ist es so weit. Die modeinteressierten Laien führen im Carola-Theater die "Phantasien in Auerbachs Keller" auf. In ihren Gewändern schwingen sie sich über die Bühne, um in mehreren Szenen jeweils eine Kulturepoche darzustellen. Mit passender Musik und zwischen zeittypischen Möbeln, denn Graul nimmt es ernst. Er will bilden, nicht blenden. Das Stück erntet tosenden Beifall. Grauls Coup ist geglückt.