Silbrig schimmert ihr Rücken dicht unter der Wasseroberfläche, mit müden Flossenschlägen kämpft sich das Lachsweibchen flussaufwärts. Bis zum Ziel ihrer Reise, den Laichgründen, sind es nur noch wenige Meter, eine letzte Flussschwelle hier bei der Bucht von Glendale Cove, eine Kurve. Doch diese letzte Etappe führt auch vorbei an einem halben Dutzend brauner, hungriger Augenpaare.

Breitbeinig stehen drei Grizzlys in der Flussströmung und lauern auf die Ankunft der Lachse. Möwen dümpeln neben ihnen, ein Reiher harrt am Ufer aus, Weißkopfseeadler sitzen über ihren Köpfen auf Baumzweigen. Wenn im Spätsommer die Lachse zu Tausenden aus dem Pazifik zurückkehren zu den Flüssen, in denen sie selbst einst geschlüpft sind, dann scheint sich die gesamte Tierwelt von British Columbia an ihren Ufern zu versammeln wie an einem gedeckten Tisch. In den Fjorden ziehen ganze Gruppen von Delfinen, Orcas, Grau- und Buckelwalen umher, Seehunde und -löwen robben dichter heran. Adler, Eisvögel, Gänse fliegen herbei, durch den Wald kommen Schwarzbären dazu – und ihre gewaltigen großen Brüder, die Grizzlys.

"Grizzlys sind Einzelgänger", erzählt Tamar Glouberman, "eigentlich halten sie sich voneinander fern. Aber die Ankunft der Lachse ist wie ein Familienfest, die Bären jagen Seite an Seite. Hier ist genug für alle da." Die Bärenführerin begleitet die Gäste der "Knight Inlet Lodge" zu einer der beiden Aussichtsplattformen am Fluss. An wenigen Orten kann man die Braunbären so gut in freier Wildbahn beobachten wie hier, 80 Kilometer nördlich des Städtchens Campbell River auf Vancouver Island: im Frühjahr bei der Balz, im Sommer beim Spiel mit ihren Jungen, im Herbst beim Fischfang.

Wie ein Mosaik in Grün und Blau sieht die Landschaft beim Anflug im Wasserflugzeug aus. Oft erkennt man von oben kaum, ob das Glitzern dort unten nun ein Fluss, See oder Fjord ist. Am sandigen Boden des Flusses von Glendale Cove schlüpfen jeden Winter die Lachse aus ihren Eiern: Chum, Chinook, Sockeye, Coho, vor allem aber der sogenannte "pink salmon".

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 12/2016 © MERIAN

Auch das Fischweibchen, das sich nun die letzten Meter flussaufwärts kämpft, wurde vor gut zwei Jahren hier geboren und hat sich einige Wochen später, gerade mal ein Viertel Gramm schwer, mit dem anschwellenden Frühlingsstrom flussabwärts treiben lassen, hat den Fjord passiert und die Küste erreicht. Zwei Jahre lang ist es durch den offenen Pazifik geschwommen. Nun ist es zurück, nach Hunderten, vielleicht gar Tausenden Kilometern, mit gut zwei Kilo rosafarbenem Fleisch auf den Gräten und dem Bauch voller Eier. Die gilt es abzulegen, jetzt gleich, nur eine kurze Pause noch.

Patsch! Mit einem einzigen Prankenhieb beendet die Grizzlybärin Matsui den langen Weg des Fisches. Bis zu den Schultern im Wasser hat sie gelauert, die Ohren aufrecht, den Blick starr auf den Fisch gerichtet, vollkommen reglos und unter Hochspannung. Denn nicht nur die Lachse erfüllen hier ihre Lebensaufgabe: die eigenen Eier abzulegen oder zu besamen, um sich kurz vor dem eigenen Tod noch fortzupflanzen. Auch für Matsui und für ihre anderthalbjährige Tochter, die jetzt herbeispringt und aus dem Fisch im Maul ihrer Mutter dicke Fetzen herausstibitzt, geht es in diesen Wochen um alles.