Nun, wenn die Blätter der Erlen am Flussufer ihren ersten Gelbstich bekommen und die Wolken tief in der Bucht hängen, zählt jeder Fisch. Wenige Wochen noch, dann werden Mutter und Tochter die Berge hinaufstapfen und sich eine Höhle suchen, werden sich vor dem anbrechenden Winter verziehen und von den Reserven zehren, die sie sich jetzt, Lachs für Lachs, anlegen.

"Bären haben den perfekten Lebenswandel", lacht der Biologe John Kitchin, der seit fünf Jahren die Grizzlybären von Glendale Cove beobachtet. "Im Herbst fressen sie sich so richtig schön fett. Aber anders als wir, bekommen sie davon keinen Herzinfarkt. Sie legen sich ein paar Monate aufs Ohr, und wenn sie im Frühjahr aufwachen, sind sie gertenschlank."

"Wenn du ein Bär sein willst, sei ein Grizzly", soll der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi gesagt haben. Wenige andere Tiere auf der Welt faszinieren den Menschen so sehr. Ihr flauschiges Fell wurde zur Vorlage für Millionen innig geliebter Teddybären auf der ganzen Welt, ihre Kraft und ihre Klauen machten sie zu einem der meist gefürchteten – und gejagten – Raubtiere. Ihre europäischen Vettern wurden beinahe ausgerottet, auch in Nordamerika geht ihre Zahl immer weiter zurück. In den USA leben vielleicht noch tausend Grizzlybären, fürchten Tierschützer, in Kanada und Alaska könnten es bereits weit weniger als 60.000 sein. Ein Viertel von ihnen ist in British Columbia, Kanadas westlichster Provinz, zu Hause.

"Auch aus Glendale Cove hatte der Mensch die Grizzlys vertrieben", erzählt Bärenführerin Glouberman. Rund achtzig Bären leben heute dauerhaft in den Wäldern und an den Ufern dieser Bucht, etwa ähnlich viele waren es vor der Ankunft der Weißen, vermutet sie. Die hiesigen Ureinwohner, die Kwakiutl, schnitzten ihr Bild jahrhundertelang in ihre Totempfähle und ihre Holzmasken. Dann wurde 1910 eine Fischfabrik in Glendale Cove eröffnet, Lachs für bis zu 60.000 Dosen holte man jedes Jahr aus dem Fluss. Die Grizzlys wurden zu Konkurrenten um den Fisch; "sobald ein Bär auftauchte, wurde er erschossen", liest man in Augenzeugenberichten jener Jahre. Mitte der 1940er Jahre kamen die
Holzfäller hinzu, und als sie die Regenwälder an den Ufern der Bucht rodeten, als die Hänge erodierten und der Fluss unter den abgesägten Stämmen und der weggespülten Erde verlandete, da blieben zuerst die Lachse aus. Und bald danach die Grizzlys.

Zurück kamen sie erst in den späten 1980ern, genau wie die Lachse. Das Fischereiministerium von British Columbia hatte zuvor mit speziellen Laichkanälen den Raubbau an der Natur zu korrigieren versucht: Künstliche Schwellen ermöglichen den Fischen nun den Weg zurück zu ihren ursprünglichen Laichgründen. Immerhin ist Lachs einer der wichtigsten Rohstoffe von British Columbia.

Dass auch Grizzlys lebend mehr wert sind als tot, dafür werben der Biologe Kitchin, die Bärenführerin Glouberman und alle anderen Mitarbeiter der Knight Inlet Lodge seit Jahren. Noch ist in British Columbia der Abschuss von Bären erlaubt; über eine jährliche Lotterie werden die Jagdlizenzen verteilt. "Dabei nimmt die Provinz über touristische Bärensafaris zehn Mal mehr ein als mit dieser Lotterie", empört sich Glouberman.

"Man tötet nicht, was man kennt und liebt", beschreibt Kitchin die Mittel, mit denen sich die Lodge für den Schutz der Bären einsetzt: Zwei Mal im Jahr reist der Brite aus seiner Heimat Brighton in diese wilde, einsame Bucht, zu der keine Straße führt; nur Boote und Wasserflugzeuge erreichen Glendale Cove. Hier fotografiert er die Bären und ihre Jungen, gibt ihnen Namen, beobachtet ihr Verhalten, sammelt Haare aus ihrem Fell, um über die DNA-Proben Stammbäume zu konstruieren.

Dank der Bären-Dossiers auf seinem Computer beobachten die Gäste der Lodge nun nicht mehr einen beliebigen Grizzly beim Lachsfang. Sondern Matsui. Matsui, die im Jahr 2010 in Glendale Cove geboren wurde und hier blieb. Die im vergangenen Jahr drei Junge zur Welt brachte, von denen eines, das schwächste, noch im selben Jahr vom Wolf geholt wurde. Ein zweites begann in diesem Frühjahr plötzlich zu hinken, irgendwann sah man es nicht mehr. Eine Tochter hat Matsui nun noch, und für die holt sie einen Lachs nach dem anderen aus dem Fluss.