Ganze zwei Stunden stehen Besucher aus Neuseeland und Australien, aus Europa, den USA und aus ganz Kanada auf der Aussichtsplattform und fiebern mit, wenn Matsui und ihre Tochter auf Lachsfang gehen. Am ersten Morgen haben sie sich noch mit großen Augen umgeschaut und eng beieinander gestanden, als Glouberman beim Aufbruch sagte: "Wir sind hier im Bärenland. Hinter jedem Busch kann sich ein Grizzly verstecken." 

Die Bärenführerin kennt das Bild vom zähnefletschenden Raubtier, vor dem sich die Neuankömmlinge fürchten; hier in Glendale Cove möchte sie es durch ein anderes ersetzen. Sie zeigt Kuhlen im weichen Moos: "Die haben sich Grizzlys gescharrt, um sich hier mit dem Bauch zuerst fallen lassen und eine Runde dösen zu können." Sie zeigt einen Amabilis-Baum, dessen dicker, wohl mindestens 150 Jahre alter Stamm von Rissen übersät ist: "Bevor sie ihr Fell daran schubbern, kratzen sie an der Rinde. So bleibt ihr Geruch länger am Baum, und vorbeiziehende Artgenossen können sie besser riechen. Dieser Baum ist das Bären-Facebook."

Sogar zum Datingportal wird der Baum im Frühling: Liebe geht bei Grizzlys über die Nase; sie riechen siebzigmal so gut wie Menschen. "Die Männchen folgen den Weibchen tagelang durch den Wald", erzählt Glouberman. "Anfangs halten sie noch gebührenden Abstand, dann wird der immer kleiner – bis das Weibchen signalisiert, dass es zur Paarung bereit ist." Die befruchteten Eier jedoch nisten sich erst im späten Herbst in der Gebärmutter ein – und auch nur dann, wenn die Bärin genug Lachse erbeuten konnte, um sich ein ausreichend dickes Fettpolster anzulegen. Sie wird diesen Winter Kraft brauchen: für die Geburt ihrer Jungen nach nur zwei Monaten Trächtigkeit und für die besonders fetthaltige Muttermilch, mit der sie die fast nackten, nicht mal ein Pfund schweren Neugeborenen über die vielen Winterwochen bringt.

"Grizzlys mögen es gemütlich. Ein Angriff oder Kampf ist für sie das letztmögliche Mittel", sagt die Bärenführerin. Mit etwas Glück bringt sie ihre Gäste so nah an die Bären heran, dass sie das Lachsblut von deren Lefzen tropfen sehen. Während die Menschen im Boot dann gebannt auf die Bären starren, beobachtet die Bärenführerin gern die Menschen. Und sieht dabei zu, wie aus Furcht Respekt wird.