Es war nicht zu ändern, Havanna fehlte ihr. Als die Illustratorin und Designerin Idania del Río für zwei Jahre nach Uruguay ging, vermisste sie die kilo­meterlange Küstenstraße, den Malecón. Die Menschen in Havanna, die immer Zeit zum Zuhören haben. Die Unvoll­kommenheit einer Stadt, die im Verfall und gleichzeitig im Aufbau ist. Also kehrte del Río nach Kuba zurück und eröffnete 2015 gemeinsam mit ihrer Freundin den ersten Designladen in Havannas Altstadt.

Ein Designladen in Habana Vieja – es war eine kleine Revolution. Private Geschäfte waren in Kuba lange verboten. Und dann auch noch das: T­-Shirts, bedruckte Magneten oder Schlüsselanhänger. "Im Sozialismus geht es zu­ nächst darum, das Notwendige abzudecken. Mode hat keine Priorität", erklärt die 36-­jährige del Río. Ihre Haare locken sich widerspenstig, auch Stillsitzen ist nicht ihr Ding. Ständig sieht sie etwas, was noch im Laden zu tun ist: ein Plakat, das einen Tick schief hängt. Ein Regalboden, der noch auf­ gehängt werden muss. Schließlich soll am nächsten Tag die neue Kollektion ihrer Marke "Clandestina" präsentiert werden. Darunter Taschen aus alten Reissäcken, bedruckt mit del Ríos Ent­würfen. Secondhand-­Kleidung, umgenäht.

Upcycling heißt der Fachbegriff: Scheinbar Nutzloses oder Gebrauchtes wird aufgewertet, aus Alt wird Hip. In Überflussgesellschaften ein Modewort, in Kuba, wo chronische Mangelwirt­schaft herrscht, eigentlich nichts Neues. "Wir haben gelernt, nichts wegzuwerfen und wollen auch in der Mode nachhaltigen Konsum fördern", sagt del Río. Havanna helfe ihr, kreativ zu sein.

Dass es "Clandestina" – so heißen ihr Label und auch ihr Laden – überhaupt geben darf, hängt mit dem Sonderstatus von Habana Vieja zusammen. Der alte Stadtteil ist Experimentierfeld für Neues. Im 4,2 Quadratkilometer großen Habana Vieja, das Teil des UNESCO­-Welterbes ist, genießen Selbstständige Freiheiten, wie es sie sonst in Kuba nicht gibt. Dies macht private Kunstgalerien, einen Laden für Bonsai­-Bäumchen oder auch einen Tattoo­-Shop erst möglich.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2018 © MERIAN

Ausgerechnet in der Altstadt ist also das neue Havanna zu finden, dort, wo die Bausubstanz jahrzehntelang der salzigen Meeresluft überlassen war und viele der Stadthäuser gefährlich vor sich hinbröckeln. Es heißt, jeden Tag falle in Havanna irgendwo ein Balkon herunter. Wer mit Kubanern unter­wegs ist, wird möglicherweise ein paar Schritte zur Seite geschoben, wenn er mit beiden Füßen auf einer der alten Gulliplatten steht. Man weiß ja nie. Für desolate Bauten, die aus unerfindli­chen Gründen noch stehen, haben Ex­perten längst eine Bezeichnung gefun­den: Sie nennen sie "statische Wunder".

Aber: Schließt man die Augen und blendet den Verfall aus, ist Aufbruch zu hören. Überall hämmert es, Baumaschinen dröhnen. Zum großen Teil ist dies dem deutschstämmigen Stadthistoriker Eusebio Leal zu verdanken, der immer an diese Stadt glaubte, die einige schon am liebsten abgerissen und neu erbaut hätten: "Die Stadt ist intakt. Wenn sie den Schleier dieser scheinbaren Dekadenz aufreißt, tritt ihr Glanz an jedem Ort zutage. Man braucht nur Augen, die das Wunder erkennen, und ein Herz, das nie verzagt." Vielleicht sorgte gerade die Vernachlässigung dafür, dass Havanna heute einzigartig ist: Wer nichts macht, begeht auch keine Bausünden.