"Hamburg war nie egal, wie es aussieht. Hier ging es nie nur ums reine Funktionieren, sondern immer auch darum, der Stadt einen Mehrwert abzugewinnen. Sie sollte schön sein." Mit diesen Worten erklärt Franz-Josef Höing, Jahrgang 1965, seit 2017 achter Oberbaudirektor der Stadt, seinen Posten, den sich, wie er selbst sagt, "die Stadt leistet, obwohl er für sie total anstrengend ist. Als höchster technischer Beamter bin ich so eine Art ›Geschmackspolizist‹, der darauf achtet, dass an den Orten, auf die es ankommt, etwas wirklich Gutes entsteht."

Es dauerte Wochen, den Gesprächstermin bei ihm zu bekommen, und das verwundert kaum – zurzeit gibt es sehr viele Orte in Hamburg, an denen etwas entsteht. Was sich auf Höings Schreibtisch alles stapelt, ist rekordverdächtig in der Stadtgeschichte: Da ist der geplante Elbtower, nach aktuellen Entwürfen knapp 245 Meter hoch und damit bei seiner Fertigstellung 2026 zweithöchstes Gebäude der Stadt. Da sind komplett neue Stadtviertel: Neben laufenden Projekten wie der Hafencity – an Europas größtem innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekt wird vermutlich bis 2030 gebaut – oder der Neuen Mitte Altona entstehen auch auf dem Kleinen Grasbrook im Hafengebiet, auf dem früheren Beiersdorf-Gelände in Eimsbüttel oder in Oberbillwerder bei Bergedorf neue Quartiere.

Da sind der weitere Ausbau der neuen UBahn-Linie U4 Richtung Süden und Osten sowie der Bau einer gänzlich neuen U5 ab 2021. Und dann ist da ja noch das Alltagsgeschäft, auf das Höing ein Auge haben soll. Es gilt, jedes Jahr mindestens 10.000 neue Wohnungen für die wachsende Stadt auf den Weg zu bringen. Auch die Idee des Senats von 2011, mit einem Beschleunigungsprogramm Hamburgs Bussystem "zu einem der modernsten in Europa zu machen", braucht Platz und Planung.

"Auf das, was hier im Moment passiert, schauen viele Städte mit Neid. Hamburg gilt gerade als die Stadt in Deutschland, die das Thema Stadtentwicklung am energischsten anpackt", sagt Julian Petrin, der Hamburgs Bauprojekte seit 1997 begleitet: Da gründete er nach seinem Studium in Städtebau und Stadtplanung an der heutigen Hafencity Universität Hamburg die Stadtentwicklungs-Beratung urbanista. Er sagt aber auch: "Es wurde höchste Zeit, in vielen Bereichen sind wir noch auf dem Nachholpfad. Zu lange hat sich die Stadt auf ihrer Selbstgewissheit ausgeruht."

Denn die Stadt war ja schon schön. Zu stabil war obendrein die wirtschaftliche Basis: "Der Hafen brachte Hamburg ökonomische Sicherheit und damit Kontinuität", so Petrin, "die Stadt musste sich nie wirklich neu erfinden." Zu hässlich war andererseits das, was die Bomben der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und in den Jahrzehnten danach das Konzept der autogerechten Stadt Hamburg angetan hatten. Veränderung, das war hier im 20. Jahrhundert zu oft zum Synonym geworden für: Verschlechterung.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2019 © MERIAN

Nach der Jahrtausendwende jedoch wurde Veränderung zu Hamburgs einziger Zukunftsoption: Die Umsatzzahlen des Hafens brachen ein; andere wichtige Wirtschaftszweige wie die Nahrungsmittel- oder Medienbranche schwächelten ebenfalls. In der Wissenschaft, bei der Zahl der Forschungsinstitute, der Patentanmeldungen, der Start-ups lag Hamburg abgeschlagen im Mittelfeld.

Etwas widerstrebend rang sich der Senat zu Veränderungen durch, beschloss im Jahr 2000 einen Masterplan für den Bau der Hafencity und 2005 den eines neuen Wahrzeichens: der Elbphilharmonie. "Ohne die Erfahrung der Elbphilharmonie wäre ein Projekt wie der Elbtower heute kaum denkbar", beschreibt Julian Petrin den Sinneswandel in der Stadt, "Hamburg hat plötzlich Freude daran, die Understatement-Jacke auch mal beiseite zu hängen und etwas zu wagen." Eine neue Lust an der eigenen Stadt liest er aus der Studie "Stadt von morgen" oder dem Beteiligungsprojekt "nexthamburg" heraus, die urbanista jüngst erarbeitet haben. Da sei ein Aufbruchsgeist zu spüren, den Alltag in Hamburg, das Wohnen und Arbeiten, die Nachbarschaft und den Verkehr anders zu denken. Und die Bereitschaft, sich einzubringen, die Zukunft der eigenen Stadt mitzugestalten.

"Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich mit ihren Ideen beteiligt haben", staunt Architektin und Stadtplanerin Renée Tribble, wenn sie sich in der "Planbude" am Spielbudenplatz umschaut. Die Container stehen an dem Grundstück, auf dem der Kompromiss zwischen Stadt, Investor und Anwohnern realisiert werden soll. Als die Grundstücksbesitzerin, die "Bayerische Hausbau", hier 2014 die nicht gerade hübschen, aber auf St. Pauli heiß geliebten "Esso-Häuser" abreißen ließ, kochten die Proteste derart hoch, dass die Polizei St. Pauli zeitweilig zum "Gefahrengebiet" erklärte.