Auf einer Stadtteilversammlung beschlossen mehrere Bewohner des Stadtteils: "Wenn hier etwas Neues entsteht, dann wollen wir das planen." Mehr als 2.300 Beiträge von Anwohnern sammelte das Team der Planbude in den folgenden Monaten ein, als Fragebogen, Interview oder als Architekturentwurf aus Lego und Knete. Das Ergebnis: Der "St. Pauli Code", der zur Grundlage wurde für den Architektur-Wettbewerb zum neuen Paloma-Viertel. Das Viertel erklärte sich bereit für Veränderungen – solange es diese mitgestalten durfte.

Der zum Siegerentwurf gekrönte Architekten-Plan liest sich wie die Eierlegende Wollmilchsau: Ja, es wird ein Hotel geben, Gewerbe, Gastronomie. Aber 40 Prozent der insgesamt rund 200 neuen Wohnungen sollen öffentlich gefördert werden, 20 Prozent der Fläche geht an eine Baugemeinschaft. Es wird eine günstige Stadtteilkantine und Proberäume für Musiker geben, vor den ersten Stock kommt eine Promenade und auf die Dächer eine Kletterwand, eine Skateboardanlage, ein Basketballfeld und ein Park. Noch vor dem Spatenstich, erzählt Tribble, kommen nun Architekten, Stadtplaner und Soziologen aus aller Welt an den Spielbudenplatz und lassen sich davon inspirieren, wie aus heftigen Protesten ein derart geglückter Kompromiss wurde.

Bürgerbeteiligung, dieser sperrige Behördenbegriff, wird in Hamburg gerade neu interpretiert. Rosa Thoneick aus dem Bereich Urban Design an der Hafencity Universität beobachtet, dass ihre Branche die Bewohner einer Stadt in jüngerer Zeit immer ernster nimmt: als Entscheider, Ideengeber – und als Gestalter. "Es sind die Einwohner, die ihre Stadt jeden Tag mitproduzieren", betont sie, "ihre Alltagshandlungen haben einen nicht zu unterschätzenden Wert." Thoneick forscht zu partizipativen Bau- und Planungsprozessen; derzeit arbeitet sie zusammen mit der Stadtwerkstatt an einem digitalen Beteiligungstool, das im Verfahren zu einem neuen Quartier am Kleinen Grasbrook eingesetzt wird.

"Es gibt", weiß der Oberbaudirektor, "bei aller Dynamik auch eine Sorge in der Stadt: Verändert sich Hamburg so deutlich, dass es sein Gesicht verliert?" Eine Wandtapete in seinem Büro zeigt die Stadt aus der Satellitenperspektive, zeigt, was Höing "ihren roten Faden" nennt: "Die Stadt ist dicht zum Zentrum und nimmt zu den Rändern hin ab, sie entwickelt sich fächerförmig ins Umland hinein, und als Gegenbewegung reichen grüne Korridore bis an den Stadtkern heran. Dieses sehr traditionelle Bild haben auch andere Städte verfolgt, aber kaum eine hat es mit einer solchen Konsequenz getan wie Hamburg. Das Ergebnis ist eine Stadt, die einen sehr grünen Charakter und eine gewisse Weite hat. Wir sind gut beraten, die Stadt in dieser Kontinuität weiterzuentwickeln."

Vis-à-vis zu dieser Vogelperspektive auf Hamburg zeigt eine breite Glasfassade hinaus auf die Stadt. Von hier sieht Franz-Josef Höing weder zur Elbphilharmonie noch zur klassischen Kirchturm-Silhouette der Innenstadt, sondern nach: Wilhelmsburg, Veddel, Billbrook, Rothenburgsort. Dort, im Süden und Osten der Stadt, in den weitläufigen, allzu monotonen Nachkriegs- und Arbeitervierteln, warten besonders viele Aufgaben auf einen Oberbaudirektor. "Diese Viertel prägen zwar nicht so sehr das Bild der Stadt nach außen, aber sie sind nun einmal das Zuhause von Hunderttausenden Hamburgern", betont er. Besonders hier wird er die beiden Ziele umsetzen müssen, die der Senat jüngst ausgegeben hat: Mehr Stadt in der Stadt wagen. Und mehr Stadt an neuen Orten organisieren.

Was braucht es, um Hamburg an seinen Rändern zu beleben? "Verdichtung", sagt Stadtplaner Julian Petrin, "erst ab einer gewissen Dichte lässt sich das umsetzen, was wir ›Stadtversprechen‹ nennen. Nur dann sind Läden, Cafés,  Kultureinrichtungen, Ärzte in Laufnähe. Die Nähe zu solchen Orten und zu anderen Menschen, dieses ›Gemeinsam alleine sein‹, das wir alle an Stadt so schätzen, das passiert erst ab einer gewissen Dichte."

Eine, die sich intensiv mit Hamburgs Osten beschäftigt, ist Julia Erdmann. Gerade hier bedürfe es einer neuen Architektur: "Socialtecture" nennt sie das; im Mittelpunkt ihrer Ideen stehen die Menschen. Und die bräuchten vor allem eines: "Freiräume. Wir müssen auch mal Lücken lassen, nicht alles durchplanen." Positives Exempel: Das Kraftwerk Bille in Hammerbrook, wo Künstler günstige Ateliers finden – und das Viertel von innen heraus gestalten. "Wir können ruhig mehr Vertrauen in die Kultur der Nachbarschaft haben", fordert Erdmann. "Wo die Leute selbst gestalten, entstehen die spannendsten Orte einer Stadt."