An einem heißen Juli-Sonntag im Jahr 1999 streifen zwei Männer durch den Ziegelrodaer Forst, in den Händen Metalldetektoren, die sie über dem Boden schwenken. Sie sind frustriert, Stunden schon latschen sie glücklos durch den Wald, verkatert vom Seefest am Vorabend. Doch dann pfeift es schrill im Kopfhörer. Mit einem Beil schlagen die beiden ein Loch in den Boden, treffen Metall, graben mit bloßen Händen eine Scheibe aus, groß wie eine Pizza, knapp zwei Kilo schwer. Ein Mülleimerdeckel, denken sie zuerst. Aber dann finden sie zwei Schwerter und zwei Beile, einen Meißel und zerbrochene Armspiralen. Und sie sehen Gold.

So beginnt eine Gaunerfarce, die wie ein Hollywood­ Streifen der Coen-­Brüder klingt. Nur mit weniger Blut und Toten. Sie handelt von Gier und Besessenheit, von trotteli­gen Schatzräubern und dilettantischen Hehlern. Und von einem Archäologen, der zum Helden wider Willen wird.

Harald Meller ist 41 und seit wenigen Monaten Landesarchäologe von Sachsen-­Anhalt, als er den Fund am 10. Mai 2001 zum ersten Mal sieht. Wilfried Menghin, Direktor des Museums für Vor-­ und Frühgeschichte in Berlin, zeigt ihm ein paar unscharfe Fotos. Meller sieht die Schwerter, die Beile. Und die Scheibe: Sonne, Mond und Sterne aus Gold. Menghin erzählt, dass ihm der Fund für eine Million Mark angeboten wurde. Und dass er aus Sachsen-­Anhalt stammt. Meller ist überwältigt – er wittert die Weltsensation. Und die Chance seines Lebens.

Dass der Fund echt ist, bezweifelt er nicht eine Sekunde. "Fälscher machen immer das, was man schon kennt", sagt er. "Sie wollen es ja verkaufen." Dieses merkwürdige Ding hat aber noch niemand gesehen. "Die Himmelsscheibe ist der bedeutendste archäologische Fund in Deutschland. Zumindest in den letzten 100 Jahren." Sie sei das älteste konkrete Bild des Sternenhimmels, erklärt Meller. Und das erste, das nicht mythologisiert ist, auf dem keine fantas­tischen Wesen eingezeichnet sind. "Niemand sonst stellte den mächtigen Himmel damals so nüchtern dar wie ein Verkehrsschild."

Anhand der Fotos vermutet ein Astronom, dass die sieben eng beieinander liegenden Goldpunkte für die Plejaden stehen, einen Sternenhaufen, der für die Bauern damals enorm wichtig war. Wenn sie das Siebengestirn im März am Westhimmel zum letzten Mal sahen, wussten sie, dass es höchste Zeit für die Aussaat war. Und wenn es im Oktober wieder auftauchte, konnte man mit der Ernte beginnen. Die Scheibe war also ein astronomisches Instru­ment – zu einer Zeit, als man solches Wissen nur Ägyptern oder Babyloniern zutraute.

Meller will die Scheibe um jeden Preis, sie soll der Star seines Landesmuseums für Vorgeschichte werden. Aber die Chancen stünden bei fünf Prozent, erklärt ihm die Polizei. Vielleicht liegt der Fund längst im Tresor eines reichen Sammlers in den USA oder in Japan? Oder er wurde aufgeteilt, um ihn besser verkaufen zu können?

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2018

Tatsächlich hat weder ein Tycoon noch die Yakuza die Scheibe. Sondern ein pensionierter Lehrer. Denn die beiden Schatzsucher verhielten sich, wie es Coen’sche Provinzgano­ven eben tun: Sie betranken sich nach dem Coup und verscherbelten die Beute an den Erstbesten. Und der Kölner Hehler, der ihnen 31.000 Mark zahlte, wollte allein das ganz große Ding durchziehen. Überall holte er sich eine Abfuhr, bei Sammlern im Ausland genauso wie bei Museen. Denn er erzählte dummerweise, dass der Fund aus Sachsen-­Anhalt stammt. Ein Anfängerfehler. In dem Bundesland gilt das Schatzregal. Und das besagt, dass bedeutende Funde automatisch dem Land gehören. Am Ende verkaufte er den Fund für 230.000 Mark an den Lehrer, einen fanatischen Sammler.

Die Monate vergehen, Meller verzweifelt. Die Ermittler verfolgen eine Spur nach der anderen, aber jede verläuft im Sande. Ihnen läuft die Zeit davon. Besonders, als Meller hört, dass das Magazin Focus eine Geschichte über die Scheibe drucken wird. Damit wäre der Fund bestätigt, Sammler würden hellhörig. Meller trifft den Journalisten, bedrängt ihn, seine Telefonnummer an die Kontaktperson weiterzugeben. Er wolle den Fund kaufen. Und tatsächlich ruft ihn die Besitzerin einer Museums­gaststätte an. Sie ist bereit, Meller zu treffen. Der Preis für den Fund sei fix: 700 000 Mark.

Die Ermittler schärfen Meller Gestik und Mimik ein, damit die Frau nicht misstrauisch wird und abspringt. Ein verdeckter Ermittler begleitet ihn zu dem Treffen, die Frau hat einen Anwalt dabei. Zwischen Puppen in römischen Rüstungen vereinbaren sie, dass Meller den Fund kaufen wird – ihn aber zuerst in der Schweiz prüfen darf. "Die Schweiz galt damals bei Hehlern als rechtsfreier Raum", sagt Meller. "Die dachten, da kann die deutsche Polizei nicht hinkommen."