Es gibt Gebäude, die müssten eigentlich ganz woanders stehen. In Italien vielleicht, in Wien oder in München – dort, wo Pracht und Prunk zum urbanen Flair gehören. Tatsächlich könnte man meinen, jemand hätte das Herzog Anton Ulrich-Museum nur aus Versehen über Braunschweig abgeworfen. Die italienische Spätrenaissance, wie sie sich der Architekt Oskar Sommer für seinen Monumentalbau zum Vorbild nahm, passt nur bedingt in dieses Stadtbild aus Burgmauern, Backstein und Beton, der dort aufragt, wo früher Fachwerk stand.

Vielleicht hat das HAUM, wie sich das Museum in Kurzform nennt, einen Schutzengel. Wie durch ein Wunder blieb es im Zweiten Weltkrieg verschont, während 90 Prozent der Braunschweiger Innenstadt in Schutt und Asche versanken. Eine der wichtigsten Sammlungen aus der Zeit des Barock hat somit ihren Platz in einem Gebäude behalten, das eigens für sie errichtet wurde. Und neben 1.400 Gemälden sind dort nicht nur 12.000 Skulpturen und Objekte Angewandter Kunst untergebracht, also Porzellan, Möbel oder Kleider, sondern auch ein immenses Kupferstichkabinett: Inzwischen ist es auf 156.000 Arbeiten angewachsen. Braunschweig besitzt eine der größten Grafiksammlungen in ganz Europa.

Allerdings wurde die Präsentation der Sammlung ihrer Bedeutung zuletzt nicht mehr gerecht. In die Jahre gekommen wirkte das HAUM schon lange eng und staubig, konnte mit den großen Museen nicht so recht mithalten. Ab 2009 blieben die Türen gänzlich verschlossen – Renovierung, so hieß es.

Doch was tatsächlich geschah, war viel mehr als das: Das neue HAUM ist ein neues Museum im alten. In leuchtenden, grunderneuerten Innenräumen erstrahlt heute eine nie zuvor gesehene Pracht. Vermeer, Rubens, Rembrandt, Giorgione, Fürstenbergporzellan, Kunstkammerschränke und ceylonesische Elfenbeinfächer – all das entfaltet sich nun in einem hypermodernen Prachtpalais, das Braunschweig künftig zu einer Kunstmetropole macht.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2016 © MERIAN

Entworfen haben die neuen Ausstellungsräume die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi, die bereits am Erweiterungsbau des Frankfurter Städel mitgewirkt haben. In Braunschweig fühlt sich Kunstgeschichte nun so plastisch und preziös an, dass man den Alltag da draußen umgehend vergisst: Die Gemäldegalerie im ersten Stock ist in Wandbespannungen aus sattsanftem Rot, Blau und Grün getaucht – die Bildwelten leuchten daraus hervor wie frisch restauriert.

Im zweiten Stock werden Silberlöffel, Vasen, Spielbretter und Majoliken in alten Glasschränken und farbig leuchtenden Schaukästen präsentiert, die eigens für die Sammlung entworfen wurden. Selbst uralte Gravuren wirken hier wie eine Zukunftsvision. Und im Erdgeschoss zeigt das Haus seine Kupferstiche in Hightech-Vitrinen von Kleinwagengröße. Zwischen alledem strahlt das Treppenhaus hell, flankiert von zartgrau konturierten Pilastern – der italienische Großarchitekt Palladio war hier Vorbild, was nun auf elegante Weise wieder zur Geltung kommt.