Vor dem großen Aufbruch feiert der König mit seinen Kapitänen die heilige Messe. Es ist der 8. März 1500, in der Tejo-Mündung liegt schon die Flotte bereit: dreizehn Segelschiffe, beladen mit Proviant für viele Monate – und mit Waffen. In der Kirche am Ufer teilt König Manuel I. seine Loge mit Pedro Álvares Cabral, dem Oberbefehlshaber dieser zweiten portugiesischen Indien-Expedition.

Vor einem halben Jahr erst ist Vasco da Gama von Kalikut an der südlichen Westküste Indiens zurückgekommen – mit nur 44 seiner ursprünglich 170 Männer und ohne nennenswerte Ware, jedoch im Triumph: Er hat den direkten Seeweg gefunden. Cabral soll den Erfolg nun ausbauen und den Portugiesen die Handelsroute sichern, über die "die ganze Christenheit in diesem Teil Europas imstande sein wird, sich mit solchen Gewürzen und Edelsteinen zu versorgen", wie Manuel jubelnd dem spanischen Herrscherpaar, seinen Schwiegereltern, schreibt.

Manuel nennt sich da schon "Herr der Eroberung und der Seefahrt und des Handels in Äthiopien, Arabien, Persien und Indien". In Vascos Erfolg sieht er einen himmlischen Fingerzeig: Portugal und er, sein allerglücklichster König, sind auserkoren, die Ungläubigen der Welt zu bekehren. Deshalb hat er einen ehrgeizigen Plan für den Ort, an dem er an diesem Märztag gemeinsam mit den Kapitänen einer feierlichen Bischofspredigt lauscht. An der Stelle der Seefahrerkirche will er ein großes Kloster des Hieronymitenordens errichten. Ein geistlicher Anker für die Seefahrer soll es sein, Mausoleum der Königsdynastie, Ausgangspunkt eines Neubeginns für das Christentum. Belém, Bethlehem, wird der Lissabonner Vorort später heißen, von dem die Schiffe aufbrechen.

Noch bevor Cabral nach Lissabon zurückkehrt, wird 1501 der Grundstein des Klosters gelegt. Es ist der 6. Januar, der Tag, an dem die Heiligen Drei Könige das Gotteskind finden. Alles ist symbolisch bei diesem Bauwerk, das selbst zum Symbol werden wird. Zum prachtvollen Zeugnis des "goldenen Zeitalters", wie die kurzen, euphorischen Jahrzehnte heißen werden, in denen das kleine Land Portugal die größte Handelsnation der Welt ist und sein König der reichste Europas. Richtig in Schwung kommen die Bauarbeiten aber erst, als die Einkünfte aus dem Indienhandel fließen. Das Königshaus steckt in das Klosterprojekt einen beträchtlichen Teil der "Pfeffersteuer", jener Abgabe in Höhe von fünf Prozent, mit der alle Erlöse aus dem Afrika- und Asienhandel belegt werden.

Manuel kauft noch einmal Land dazu, holt Steinmetze und Baumeister aus Spanien, Frankreich, Flandern. In weißem Kalkstein geben sie dem Geist der Epoche Gestalt: Entdeckerlust und Aufbruchstimmung, herrscherhaftes Selbstbewusstsein und missionarischer Drang, die Flut neuer Erfahrungen und die immens gewachsene Welt – von alldem erzählt der dreihundert Meter lange Klosterbau.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2016 © MERIAN

Der überreich verzierte Kreuzgang gerät zum Wimmelbild religiöser Symbole, königlicher Insignien und bisher ungesehener Tiere, Pflanzen und Menschenrassen. Fein ziseliert ranken sich exotische Blüten um die Säulen, spannen riesige Vögel die Flügel auf, kauern Äffchen im Geäst. Sterne und Seesterne verzieren die Bogen, Muscheln, Meeresgetier, Korallen, tropische Früchte, fremdartige Gesichter. Ist das da nicht ein südamerikanischer Ureinwohner?

Könnte sein. Auf seinem Weg nach Indien landet Cabral nämlich erst einmal ungewollt in Brasilien, eine eher zufällige Entdeckung. Ein Reisebericht wird nach Hause geschickt, Papageien und andere Vögel. All das ist Inspiration für die Steinmetze.

Die erste Gewürzladung aus Indien bringt Cabral im Juli 1501 nach Lissabon. Sie ist nicht riesig. Aber darauf kommt es nicht an. Ein venezianischer Chronist schreibt in seinem Tagebuch: "Von Wichtigkeit sind vielmehr die entdeckte Route und der Warenverkehr, denn jedes Jahr werden sie noch größere Mengen an Spezereien heranschaffen." Entsprechend besorgt ist man in Venedig, für das der Orienthandel bisher so einträglich war. Etliche sagen dem Stadtstaat den "Ruin" voraus.