Die Karawane der digitalen Nomaden zieht ständig weiter. Weg aus dem Silicon Valley, nach Miami, Budapest – und Ho-Chi-Minh-Stadt. Das Leben ist billig hier, das Essen gut und ein ruhiges Café mit WLAN nie weit. Warum also nicht? Die kosmopolitischen App-Entwickler und Webdesigner brauchen zum Arbeiten nur einen Laptop und schnelles Internet. Und so sitzen im Großraumbüro von Dreamplex smarte Jungunternehmer aus aller Welt. Dreamplex ist ein Coworking Space, der Arbeitsplätze vermietet, vernetzt und unterstützt. Für den Videochat ziehen sich die neuen Business-Cracks in Kabinen mit knallbunter Streetart an den Wänden zurück, für die Pause stehen Sofas und eine Playstation bereit. Einen Stock höher werkeln kleine Teams an ihren Start-ups. Notizen vom letzten Brainstorming schmücken die Glaswände zwischen den Räumen. Hier wird eine neue E-Learning-App entwickelt, dort eine Online-Marketingstrategie entworfen. Die Türen stehen offen, gesprochen wird Englisch.

Sogar Barack Obama zeigte sich 2016 begeistert. Damals war er noch als Präsident auf Staatsvisite, eine engere Partnerschaft mit dem ehemaligen Kriegsgegner beschwörend. Denn nicht nur für IT-Experten ist Ho-Chi-Minh-Stadt attraktiv geworden. Seit der wirtschaftlichen Öffnung Vietnams in den achtziger Jahren nimmt das Leben hier Fahrt auf. Die Wirtschaft boomt in Saigon, wie die Stadt bis 1976 hieß und von vielen Bewohnern auch heute noch genannt wird. Immer mehr Menschen strömen in die Metropole, überall wird gebaut, internationale Konzerne gründen Niederlassungen, junge Menschen arbeiten ehrgeizig an ihrer Karriere.

Das Wahrzeichen des neuen Saigons ist der Bitexco Financial Tower, ein über 260 Meter hoher Wolkenkratzer mit Helikopter-Landeplatz. Ein Aufzug trägt Besucher hinauf zur Aussichtsplattform im 49. Stock. Von dort oben betrachtet ist die Stadt ein wirbelndes Chaos aus Baustellen und Motorrädern – nach dem Willen der Regierung unterwegs zur Weltstadt. Um das Hochhaus herum versinkt das Straßenraster der französischen Kolonialherren langsam in einem Meer städtischen Wildwuchses.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017 © MERIAN

"Nur das von den Franzosen geplante Zentrum ist wirklich eine Stadt", sagt Nguyen Trong Hoa. Der Professor arbeitet in einem Institut, das die Regierung in Fragen der Stadtentwicklung berät. Er trippelt unter dem Schreibtisch mit den Füßen, während er über die Herausforderungen der Zukunft spricht. In seinem Büro hängt neben dem Stadtplan von Saigon der von Berlin. Man merkt, dass er die deutsche Hauptstadt bewundert, weil sie als Stadt funktioniert. Saigon hingegen bereitet ihm Kopfzerbrechen. "Die Größe ist gut für vier bis fünf Millionen Einwohner", sagt er über die Metropole, in der ungefähr doppelt so viele Menschen leben. Die Regierung hegt zwar weitreichende Pläne, geht akute Probleme aber oft nur langsam an: "Das ist der sozialistische Weg", sagt der Experte. "Er ist auf das zukünftige und nicht auf das gegenwärtige Leben fokussiert." 

Saigon platzt nicht nur aus allen Nähten, sondern hat auch seine Mitte verloren. Sogar im zentralen District 1 scheint es, als würde die Metropole an jeder Ecke neue Kleider überziehen. Auf der Dong Khoi, Shoppingmeile und Prachtstraße in einem, will sie in Abendgarderobe beeindrucken. Auf den Spuren der kolonialen Vergangenheit pilgern Touristen dort vom Grandhotel Majestic vorne am Fluss bis zur Kathedrale Notre Dame, vorbei an edlen Restaurants und glänzenden Boutiquen, in denen die neue Oberschicht ihren Reichtum zeigt.