Mein Freund Niall MacKillop betrat einmal eine Bar in dem Hochlandstädtchen Fort William, in der wir uns verabredet hatten. Am Tresen stand ein Zecher, der knüpfte sogleich ein Gespräch mit ihm an. "Sind Sie Schotte?" 

Unverkennbar Glasgower Tonfall. MacKillop trug eine lachsrosa Cordhose, ein Kleidungsstück, das viele Schotten als "English" und "upper class" einstufen. MacKillop ist weder Engländer noch gehört er der Oberschicht an, er musterte den Mann.

"Ar‘ ya Sco’ish?", fragte der ein zwei tes Mal. "Nein", antwortete MacKillop. "Ich bin Highlander." Der Mann schaute ihn verdattert an.

Nun, mein Freund MacKillop betrachtet einen Glasgower Schotten genauso wenig als Landsmann wie die aus dem südschottischen Ayrshire stammende Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon. Ihr Dialekt ist ihm unerträglich. Er spricht das weiche, durch die gälische Herkunft geprägte Hochlandenglisch. Er hält die in Hollywoodfilmen zelebrierte und von der Scottish National Party (SNP) wie im Uraltkampf gegen den englischen Feind hochgehaltene schottische Nation für Kappes.

Es gibt zwei Schottlands, das Hochland und die Lowlands. In den Lowlands, grob gesagt die Gegend unterhalb einer Linie zwischen Fort William und Elgin, leben rund neunzig Prozent der Bevölkerung. Die Highlands und die dazugehörige Inselwelt nehmen die Hälfte der Landfläche und etwa neunzig Prozent der Küstenlinie ein. Diese Spaltung ist so alt wie die schottische Geschichte. Sie geht auf Religionskriege, Stammesfehden und Aufstände zurück. Schottland war lange Zeit, was man heute einen failed state nennt. Der Historiker Niall Ferguson vergleicht seine Heimat vor der Union mit England 1707 mit dem heutigen Afghanistan. Erst die Union habe das zerrissene Land vor einem Schicksal wie dem Afghanistans bewahrt.


Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

In den letzten Jahrzehnten haben Bevölkerungsfluktuation und eine Angleichung der Lebensumstände dem Konflikt die Spitze genommen. Man hört das Hochlandenglisch immer seltener. Es wird zusehends von südschottischen Dialekten verdrängt, die mein Freund MacKillop, wie er gerne mokant bemerkt, ebenso wenig verstehen könne wie Touristen. Doch die Mentalitätsunterschiede sind geblieben. Es gibt für sie keine genaue geografische Grenze. Sie ist eine Grenze im Kopf.

Für mich verläuft diese Grenze durch Dunkeld. Wenn ich aus dem Süden kommend, an dem pittoresken Städtchen mit seinen eigenwilligen Läden und Pubs, seiner halb zerstörten Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert und der unter hohen Bäumen rasch dahinfließenden Tay vorbeikomme, halte ich meistens an. Hier lösen Schafe, Heide und karge Hügel – die Landschaft des Nordens – das reiche Farmland des Südens ab.

Nördlich von Dunkeld windet sich die Straße zum Drumochter-Pass hinauf. Die Berge zu beiden Seiten sind eine Mischung aus baumlosem Mittelgebirge, Hochmooren, alpinen Geröllhalden und Felskämmen. Der Wind zerrt Nebelschwaden um die Gipfel, Wasserfälle stürzen aus ihren Flanken. Manchmal, meist im Mai und Juni, ist der Himmel hoch und weit und das Land ausgetrocknet und verdorrt. Doch wie immer sprießt aus dem trockenen Boden das Grün des Frühsommers in mannigfachen Schattierungen, gefolgt von der Heideblüte im August und den hell leuchtenden Gelb- und Goldtönungen des Herbstes. Jenseits des Passes breitet sich eine Hochebene aus, in der nur ein paar Schafe und rotzottelige Hochlandrinder in sauren Grasbüscheln Nahrung suchen.