Besonders malerisch leuchtet die Stadt beim Laternenfestival, wenn zu Vollmond kleine Kerzen im Fluss Thu Bon schwimmen. © Philipp Engelhorn für MERIAN

Guy Sainsbury erzählt von früher. Wenn der Engländer mit den grauen Stoppelhaaren sich an seinen ersten Besuch in Hoi An erinnert, entsteht vor seinem inneren Auge ein verschlafenes Nest. Durch Zufall war er dorthin geraten und fand den ruhigen Ort so charmant, dass er dort leben wollte. Er schaute den Fischern zu und unterhielt sich mit den Schneidern, von denen es auffällig viele gab. Touristen traf er keine.

Heute schaut er durch die Tür seines Ladens im Zentrum von Hoi An nach draußen und kann vor lauter Urlaubern und Souvenirhändlern kaum die andere Straßenseite sehen. "Seit die Altstadt 1999 Unesco-Weltkulturerbe wurde, hat sich der Ort radikal verändert", sagt er. "Ob das gut ist oder schlecht, darüber kann man streiten." Im klimatisierten Geschäftsraum des Familienunternehmens "Bebe Tailor" treffen die ersten Kunden des Tages ein. Guy sieht nach dem Rechten.

Bebe heißt die Tante seiner vietnamesischen Frau, und es ist ein Name, den in der Stadt jeder kennt. Denn die Familie, in die er eingeheiratet hat, betreibt eine der erfolgreichsten Schneidereien von Hoi An. Etwa 300 Schneidergeschäfte gibt es insgesamt in der Stadt – das Handwerk hat hier Tradition. Um Guy herum schwirren vier Mitarbeiterinnen, hören sich die Wünsche der Kunden an, nehmen Maß, zeigen Stoffmuster. Guys Kolleginnen tragen allesamt ao dais, bodenlange Überkleider aus heller Spitze, die seitlich bis zur Taille geschlitzt sind. "Es ist die traditionelle Tracht der Vietnamesinnen", sagt Huynh Thi Hanh. Sie ist die Cousine von Guys Frau und arbeitet als Managerin im größten der drei Bebe-Läden. "Am elegantesten sieht das bei sehr schlanken Frauen aus." Sie grinst und streicht über ihr kleines Bäuchlein, das sich unter dem selbst genähten rosa Etuikleid wölbt. 

Hanh lotst eine Kundin zu den Umkleidekabinen, und Guy zeigt auf die Wand am Ende des Raums. Komplett verglast ist sie und gibt den Blick auf einige Dutzend Arbeitsplätze frei. Die angestellten Schneider konzentrieren sich auf ratternde Nähmaschinen oder hantieren mit dampfenden Bügeleisen. "Die Glaswand habe ich mir ausgedacht", erzählt Guy. "Die Familie meiner Frau fand es seltsam, aber ich will unseren Kunden aus dem Westen zeigen, dass die Arbeitsbedingungen gut sind und dass da keiner mit der Peitsche steht." Guy muss weiter, er hat einen Termin in der Filiale in der Altstadt. Er fährt mit dem Roller hin, große Teile des historischen Stadtkerns sind aber verkehrsberuhigt. Fahrradrikschas sind erlaubt, aber nichts, was einen Motor hat. "Das ist außergewöhnlich für dieses Land", sagt Guy und braust davon.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017. © MERIAN

Überhaupt ist Hoi An eine Ausnahmeerscheinung. Kein anderer Ort in Vietnam hat eine so gut erhaltene Altstadt. Und während die anderen Städte abends in grellem Neonlicht erstrahlen, beginnen in Hoi An die traditionellen Seidenlaternen matt und warm zu leuchten. Sie hängen an Hauseingängen, baumeln von Balkonen, zieren jedes Straßencafé und jedes kleine Geschäft. Eine Stadt wie eine Kuschelecke. An den hellgelben Säulen eines Hauseingangs bleibt ein französisch sprechendes Touristenpaar stehen und bewundert das dunkle Holz der Fassade. Vor ihnen steht eines der jahrhundertealten Wohnhäuser, für die der Stadtkern bekannt ist. "Sieht fast aus wie in Italien", murmelt der Franzose, und sein Blick schweift verträumt nach oben.

Plötzlich erfüllen schrille Töne die Straße. Das Paar schreckt hoch und rettet sich in einen Hauseingang. Zwei Dutzend Fahrradrikschas brettern hintereinander zwischen den Häuserzeilen hindurch. Aus den Passagiersitzen schauen je zwei Chinesen mit Hüten hervor, die Smartphones und Kameras im Anschlag. Penetrant klingeln die Fahrer Hindernisse aus dem Weg, wer keine Klingel hat, imitiert mit der Stimme eine Sirene, während die Insassen im Vorbeifahren Fotos von den Häusern machen.