Es ist eigentlich nur ein Hüpfer für die zweimotorige Antonov: Gerade einmal 160 Kilometer Luftlinie trennen Havanna von der Isla de la Juventud. Doch die fühlen sich an wie eine Weltreise, wenn die Verspätung in die Stunden geht und man im Wartesaal gesteckt bekommt, dass die Sache Methode hat. Flüge auf die in Form eines Schreibmaschinen­kommas ins Meer gehämmerte Antil­leninsel starten kaum nach Plan, sondern erst dann, wenn in einem anderen Landesteil eine Maschine frei wird.

Die wenigen Passagiere am Gate im Flughafen von Havanna haben dieses offene Geheimnis längst hingenommen. Sie wissen: Die Isla de la Juventud ist das lange ausgebeutete Aschenputtel Kubas, das seinen Prinzen noch nicht gefunden hat. Die zweitgrößte Insel des Landes diente immer wieder als Bühne wahnwitziger Utopien. Ihre Periode als Piratenversteck zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert war seit Kolumbus noch die längste ihrer Geschichte. Danach amtierte sie als spanische Straf­kolonie, amerikanische Enklave, kubanische Gefangeneninsel, bedeutender Fruchtexporteur und Plattform für Fidel Castros Traum vom sozialistischen Internationalismus. Doch jede einzelne Etappe endete im Fiasko.

Und so ist die Insel heute ein Ort, den der Wind der Geschichte immer wieder erfasst und dann ziemlich zerzaust zurückgelassen hat. Doch genau dies macht sie zur struppigen Anti­these des gestriegelten All-­inclusive-Tourismus. Statt mit glatt geputzten Hotelklötzen ist sie gespickt mit bröckelnden Häuserruinen in einer Land­schaft von verwunschener Schönheit. Menschen würden erst dann zu Geschichten, wenn ihnen etwas dazwischen käme, meinte der Philosoph Odo Marquard. Auf der Isla de la Juventud spürt man: Das gilt auch für Orte.

Im Taucherhotel "El Colony" wird das gleich deutlich. Es liegt an der Westküste, wo das Meer so schrill türkis leuchtet, als habe ein Grafiker die Kontrolle über seine Kontrastregler verloren. Dennoch sind keine anderen Gäste da. Der zerborstene Steg, die ungeniert schlafenden Kellner, die Blätter im Pool: Das "El Colony" ist ein gigantisches Monument der Vanitas, auf dem irgendein Fluch zu lasten scheint. Es kann nur der von 1958 sein. Damals baute der Mafioso Lucky Luciano die Anlage für den Casinobetrieb. Doch die Prostituierten hatten gerade erst zu lächeln und die Roulettekugeln zu klackern begonnen, da beendete die Revolution das Investment und schickte es in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.

Hier steht nun Klaus Hildebrandt fünf Minuten vor der Zeit neben dem Frühstückstisch und klopft auf seine Armbanduhr. Gasflammenblaue Augen, ärmelloses Shirt. Und ein so drastisches Sächsisch, dass einem die Ohren klingeln. "El Seguro" nennen sie den Ergrauten hier: der, der immer pünktlich ist. "Ist doch prima für einen Taxifahrer", sagt er und zwängt sich in einen winzigen Hyundai.

Die Fahrt geht in die Hauptstadt. Klaus raucht Kette und erzählt hustend von seinem Lebensschicksal: Acht Monate vor dem Mauerfall verliebte er sich in eine kubanische Gastarbeiterin und zog mit ihr von Leipzig hierher. Als seine hellhäutige Frau kurz nach der Heirat ein schwarzes Kind zur Welt brachte, ließ er sich scheiden und hei­ratete noch zwei weitere Male, um seinen Aufenthaltsstatus nicht zu verlieren. Seinen Job als Techniker ist er längst los, heute schlägt er sich als Fah­rer und Guide für die Handvoll Touristen durch, die hin und wieder hierher­ finden. Besuche in der alten Heimat hat er sich nie leisten können.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2018 © MERIAN

Klassische Sehenswürdigkeiten sind die Sache der Insel nicht. Aber Klaus gibt sich Mühe. Im Nest La Victoria empfiehlt er Fotos am Denkmal für Ubre Blanca. So hieß vor 30 Jahren die Weltrekordhalterin im Milchgeben. Fidel Castro verehrte die Kuh als Beispiel für die Überlegenheit kubani­scher Zucht, und als das Tier starb, druckte das Parteiorgan Granma ei­nen Nachruf. Heute fehlt der vierbeinigen Skulptur das linke Marmorhorn, und der Schwanz ist auch abgebrochen. Auf der Isla de la Juventud wirkt beides so richtig und angemessen wie die abgeschlagenen Unterarme antiker Statuen.

Ein paar Kurven weiter wuchert die Vegetation derart üppig, dass selbst die Luft grün zu sein scheint. Klaus lenkt den Wagen in einen Wald, wo die Luft­ wurzeln 300 Jahre alter Jagüey-­Bäume immer neue Formen finden, sich in den Boden zu winden. Es ist, als tanzten Fabelwesen einen Reigen. Dann dauert es nur noch zwanzig Minuten, bis die napfkuchenartigen Berge von Nueva Gerona auftauchen.

Das Lächeln sitzt locker in der Hauptstadt, irgendwo brüllt immer ei­ner einen Scherz quer über die Straße. Der Großteil der 85.000 Insulaner lebt zwischen den verwitterten Säulenarkaden von Nueva Gerona. Der Ver­kehr besteht vor allem aus Fahrradtaxis, deren Chauffeure wenig gemein haben mit ihren Kollegen in Havanna, die wie Krokodile nach jedem Touristendollar schnappen. Hier erinnern sie eher an Kinder, die in der Langeweile der großen Ferien planlos durch die Gegend cruisen.