Am Tag der Ankunft stürmt es, beim Anlanden auf St Mary’s ist der Hafen kaum zu erahnen. Am nächsten Tag strahlt die Sonne und beim Wandern scheinen alle der rund 140 Inseln des Archipels sichtbar zu sein. Auf den Isles of Scilly – ausgesprochen klingt das wie silly, verrückt – ist manches sanft und vieles wild. Weil diese Inseln, von denen mittlerweile nur noch fünf bewohnt sind, vom Golfstrom umspült werden, herrscht fast subtropisches Klima, mit 2.000 Sonnenstunden im Jahr, heißen Sommern und milden Wintern. Im Januar ist es hier wärmer als an der Riviera.

Zugleich sind die Gewässer rund um die Isles of Scilly die gefährlichsten weit und breit, und das Wetter ist trotz überwiegend guter Stimmung ziemlich launenhaft. Es ist nur eine leichte Übertreibung, wenn die Scillonians sagen: Jeder Fels hat ein Schiffsunglück verursacht. Ein weiterer alter Spruch lautet: Auf einen natürlichen Tod kommen neun Ertrunkene. Die pittoresken alten Friedhöfe künden davon. Nichts für ungut, denn die Inseln haben immer wieder von großen Havarien profitiert. Ein einst beliebtes Gebet endete mit: "O Herr, wir bitten um Schutz für die Seefracht, sollte es dir aber gefallen, ein Schiff stranden zu lassen, so geleite es zum Nutzen von uns armen Leuten zu unseren Inseln." 

Niemand weiß genau, wie viele Schiffe über die Jahrhunderte hinweg zerschellt sind. Eine fünfzig Jahre alte Liste zählt 546 Wracks auf. Den Ozeandampfer "Minnehaha" etwa, der im Frühjahr 1910 auf Scilly Rock auflief. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde über Bord geworfen, eine Konjunkturspritze für die Insulaner. Zuletzt zerschellte 1997 das deutsche Handelsschiff "MV Cita" in stürmischem Wetter an den Newfoundland Rocks. Viele der Container wurden an den Inselstränden angeschwemmt. Mit einem Schlag wimmelte es auf St Mary’s von Computermäusen (wie auch von Autoreifen, Haustüren und Bermudahosen). Schiffsunglücke hätten hier stets mehr Geld eingebracht als die Fischerei, vermutet ein Inselchronist.

Jede der Inseln lässt sich an einem Tag umrunden. Auch St Mary’s, mit 6,3 Quadratkilometern die größte. Alles ist gut zu Fuß erreichbar. Es gibt in Hugh Town, wo die Fähre andockt, zwar einige Autos, aber eigentlich ist es eine Insel für Fußgänger. Das Städtchen lässt man schon beim Aufstieg zu den schweren Mauern des verwunschenen "Star Castle" hinter sich.

Ein fast fünfhundert Jahre alter Vorposten ist heute das beste Hotel der Insel, eine atmosphärische Miniaturburg mit herrlichen Ausblicken. Land’s End heißt die Felsenspitze im westlichsten Cornwall; dies hier wäre dementsprechend England’s End, die letzte heimische Bucht vor der schieren Unendlichkeit des Atlantiks. Hinter der Garnisonsmauer haben sich violette Fingerhüte zu einer undisziplinierten Parade aufgestellt, unter einem Sommerhimmel voller Schäfchenwolken. Und schon taucht man in die unglaublichste Pflanzen- und Blumenpracht ein. Überall blühen gelbe und rosa Mittagsblumen, fröhlich klettert Kapuzinerkresse die Mauern hoch, Stechginster und Brombeerranken schlingen sich stachlig umeinander. Sukkulenten groß wie Teller, blühende Geranien in intensivem Rosa, dazwischen ein im Wind zitternder Bläuling.

Diese Pracht wird umrahmt von den vielen Färbungen des Meeres, die von karibischem Türkis bis zu tiefdunklem Nordseeblau reichen. Tiden und Wellen haben skurrile Gesteinsformationen geformt, von denen manche fantasievolle Namen tragen: "Mönchskutte" (schwer zu erkennen), "Kessel und Töpfe" (teilweise zu erkennen), "Kanzel" (eindeutig zu erkennen). Unausgesprochen die Einladung, eigene Namen zu vergeben: "Schildkröte auf Stele", "zerzauster Adler" oder "Wanderung der Hobbits".

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2017 © MERIAN

Der Ginster wächst bevorzugt zwischen Mauerritzen, orange, klein, scheinbar zart, aber sehr beharrlich. Sukkulenten wurzeln in den Fugen. Überhaupt die Mauern von Scilly: Ein Gemeinschaftsprojekt von Mensch und Natur, aufgestapelte Steine in verschiedenen Größen und Formen, von Pflanzen durchbrochen und überwachsen, sodass jede Mauer entlang des Weges ein eigenes Kunstwerk ergibt. Hinter einer dieser Mauern stolziert ein einsames Lama und aus einer Voliere in der Nähe schreit ein unsichtbarer Pfau wie eine Sirene zum Ozean hinaus.

Vieles auf diesen Inseln ist mysteriös, nicht zuletzt wegen der frühzeitlichen Ruinen. Auf einmal am Wegrand eine heidnische Stätte, mysteriöse Kreise und ein großer, weißer Stein in der Mitte, in das Moor hineingeformt. Am beeindruckendsten ist die Porth-Hellick-Down-Grabkammer, zwölf Meter im Durchmesser und erstaunlich gut erhalten. Die Scillys beherbergen ein Fünftel aller englischen Megalithgräber. Wahrscheinlich wurden Verstorbene vom Festland hier begraben; vielleicht wollten sich unsere heidnischen Vorfahren vor den Geistern der Toten mit fast fünfzig Kilometern Wasser schützen.

Nach einigen Stunden erreicht man den einsamen Norden. Allein unter Vögeln. Auf einmal Urwald, efeubewachsene Stämme. Zu hören nur Grillen und Wellen. Betörendes Licht. Spätestens hier überkommt einen dieses besondere Inselfeeling: die Freude am Entdecken, eine geradezu kindliche Euphorie. Auf diesen kleinen Inseln hat man das Gefühl, sie gehörten ganz und gar der eigenen Wahrnehmung.