Im Musikzimmer hängen auch alte Familienbilder, darunter ein Porträt der Ururgroßmutter, auf deren Initiative hin die Villa gebaut wurde. Maria Sergeevna Annenkova war eine russische Adlige, die den Genueser Bankier und Herzog Gaetano de Ferrari heiratete. Auf der Isola del Garda wollte das Paar sich Ende des 19. Jahrhunderts einen prunkvollen Sommersitz schaffen, doch Gaetano verstarb, kurz nachdem der Bau begonnen war. Seine Frau brachte das Projekt zu Ende und vererbte die Insel der einzigen Tochter, einer sozial engagierten Frau, die 1924 hier in den Fluten verschwand. Ob es ein Unfall war oder Selbstmord ist nicht bekannt, aber um "die Prinzessin, die der See verschluckte" ranken sich viele lokale Legenden.

Vor dem Fenster liegt der See grau und still. Alberta Cavazza liebt die Monate abseits der Saison, "wenn man den See als das wahrnimmt, was er ist. Im Sommer fahren da draußen die Motorboote wie auf einer Autobahn vorbei." Was dagegen die Insel betrifft, sagt sie, werde ihr die Winterpause im März schon zu lang: "Dann kann ich es kaum erwarten, dass wieder Besucher kommen." 

Viel häufiger, als sie gedacht hätte, erweist sich die Begegnung mit den Besuchern nämlich "als schöner Austausch: Sie spüren, wie sehr ich diesen Ort liebe und dass ich ihn gern zeige, und das wissen sie zu schätzen." Zum Abschluss der Führung nimmt sie mit den Gästen auf der Terrasse immer einen Aperitif. Die Briten sind davon jedes Mal hingerissen: Dass Adelige ihre Ansitze öffnen, um die Instandhaltung zu finanzieren, ist ihnen aus der Heimat wohl vertraut – aber welche englische Gräfin würde den Touristen selber Wein einschenken? "Die britischen Besucher finden es erstaunlich, dass wir nicht in solchen Kategorien denken."

Wieder draußen, zeigt sie auf einen Gebäudeteil, der noch aus der Zeit stammt, als der heilige Bernhard von Siena hier um 1450 anstelle einer franziskanischen Einsiedelei ein Kloster erbaute. Fast 600 Jahre lang lebten Mönche auf der Insel, von 1200 bis 1797, und Alberta Cavazza ist überzeugt, dass sich etwas von ihrer spirituellen Energie in der Atmosphäre gehalten hat.


Es regnet in dünnen Fäden, die Bergkulisse am gegenüberliegenden Ufer verdeckt ein Vorhang aus Nebel und Wolken. Weil die Gräfin es schade findet, dass mir das Panorama entgeht, holt sie auf dem Weg in den "wilden", bewaldeten Teil des Parks hinunter ihr Handy heraus und zeigt ein Foto vom Monte Baldo, so wie man ihn an klaren Tagen von dieser Stelle aus sieht. Sie liebt die Berge, auch etwas, das sie mit ihrem verstorbenen Vater gemein hat. Er war Forstingenieur und brachte viele neue Nadelbäume auf die Insel. Als Erster in der Reihe der Besitzer nutzte er die Isola del Garda nicht nur als Sommerresidenz, sondern lebte mit der Familie das ganze Jahr über hier. "Er hatte diese sehr enge Beziehung zur Insel – deshalb hat er sie geerbt, obwohl er der jüngste der Söhne war." 

Alberta Cavazza bleibt vor einem geborstenen Baumstamm stehen, ein Opfer des Windes. "Schade", sagt sie betrübt. "Er war wohl krank." Der Baum wird im Biomasse-Ofen landen, mit dem die Villa beheizt wird, wie aller Holzabfall aus dem Park und auch die Olivenkerne aus der familieneigenen Ölproduktion. Die Herausforderungen der Gegenwart: Für die Wärme sorgt der Ofen, den Strom aber lieferte ein Transformator auf dem Festland. Der ging kaputt, nun muss eine ganz neue Stromleitung auf die Insel gelegt werden. "Das wird teuer." Alberta Cavazza lacht: "Gott sei Dank war die Saison gut!"