Eine Stufe nach der anderen tastet sich Helena hinab ins Dunkel. Ihr Begleiter, ein Jude namens Judas Cyriacus, trägt eine Öllampe vor sich her, damit sie auf der unebenen Treppe nicht stolpert. "Kommt, Eure Hoheit", sagt er, "es ist nur noch ein kurzes Stück." Dann ist Helena tatsächlich am Ziel ihrer Reise, ach was: ihres gesamten Lebensweges. Auf dem Grund einer Zisterne unter einem römischen Venustempel liegen drei Holzkreuze, darunter das Kreuz, an dem Jesus Christus starb. Helena holt es zurück ans Licht der Welt, dafür wird sie schon bald nach ihrem Tod als Heilige verehrt.

Die Legenden um ihren Jahrtausendfund sind zahlreich. Mal ist es Judas, der ihr den Weg weist, und mal findet sie selbst dorthin, mal liegen die Kreuze auf dem Boden einer Zisterne und mal muss sie erst beten, bevor sich die Erde unter ihr auftut und die Kreuze freigibt. Es gibt das Gerücht, dass sie Judas Cyriacus erst tagelang hungern lässt, bevor er sich bereit erklärt, ihr den Weg zu weisen. Einig sind sich die Erzähler über die Jahrhunderte allein darin: Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, findet im Jahr 325 in Jerusalem das Kreuz Jesu und den Felsen, auf dem er starb: Golgatha.

Jesu Kreuz und den Ort seiner Hinrichtung: Wäre ihr Fund mehr als Legende, dann hätte Helena als erste Bibelarchäologin der Welt gleich den Jackpot dieser Disziplin geknackt. Doch liegt der heiligste Fels des Christentums tatsächlich unter jenem römischen Tempel verborgen? Sicher ist: Helena hat einiges auf sich genommen, um ihn zu finden. Rund 2.000 Kilometer ist sie in ihrer zweirädrigen Kutsche durchgerüttelt worden, begleitet von einem Tross an Köchen, Kundschaftern und Kutschern. Dabei hat die Kaisermutter, zwischen 248 und 250 geboren, ihren 75. Geburtstag bereits gefeiert, als sie sich von ihrem Palast in der römischen Provinz Bithynien am Bosporus auf den Weg macht – in die Stadt, in der Jesus Christus knapp 300 Jahre zuvor gekreuzigt wurde. Sicher ist auch: Sie musste etwas finden, ergebnislos wieder abzureisen, wäre der Mutter des Kaisers nicht würdig gewesen.

"Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf hebräisch Golgatha": Auch Dieter Vieweger kennt die Worte aus dem Johannesevangelium in- und auswendig. Er ist derjenige, der knapp 1.700 Jahre nach Helena tatsächlich beweisen konnte, wo genau sich Golgatha einst befand.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2016 © MERIAN

Vieweger hat Theologie sowie Ur- und Frühgeschichte studiert, seit 2005 arbeitet er als Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) in Jerusalem und Amman. Von seinem Büro auf dem Ölberg aus schaut er an klaren Tagen über die östlichen Ausläufer Jerusalems bis zum Toten Meer. Vieweger, 1958 in Chemnitz geboren und im Alter von 16 Jahren aus politischen Gründen der Schule verwiesen, ist ein Mann, der es nicht leiden kann, wenn Gewissheiten vorgegaukelt werden, wo nur Möglichkeiten sind. Statt mit Legenden arbeitet er mit Hightech-Geräten, Kohlenstoffdatierungen und Weitblick.

Ein einziges Mal hat er sich in seinen zehn Jahren in Israel der Karfreitagsprozession auf der Via Dolorosa durch die Altstadt angeschlossen. Aber das war nichts für ihn: zu viele Touristen-Selfies und Billigkreuze aus China, zu viel Selbstinszenierung und Rummel.

Entsprechend nüchtern ist der Blick, den er auf Helenas Jerusalemreise wirft: "Sie lief mit dem Evangelium durch die Stadt und glich das, was sie sah, mit dem ab, was Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben hatten", sagt Vieweger über ihre Suche. "Doch die Stadt, durch die sie lief, war mitnichten die Stadt, durch die Jesus sein Kreuz getragen hatte."