In den Erdschichten über dem Steinbruch, der noch vor Jesu Geburt stillgelegt wurde, fanden Vieweger und seine Kollegen die Spuren von Holzpflügen und andere Indizien für eine landwirtschaftliche Nutzung. Auch diesen Garten beschreibt bereits der Evangelist Johannes: "Es war aber an der Stätte, da er gekreuzigt ward, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in welches niemand je gelegt war. Dahin legten sie Jesum." Beinahe 1.700 Jahre nach Helenas Besuch in Jerusalem beweist Dieter Vieweger: Diese Kirche steht tatsächlich am historisch richtigen Ort.

Helena hatte recht – was wohl weder Glückstreffer noch göttliches Wunder war: Vermutlich wird sie ein Einheimischer wie eben jener Judas Cyriacus zum Venustempel über dem Steinbruch geführt haben. Im Geheimen mag das Wissen um den Ort der Kreuzigung damals noch von Generation zu Generation weitergetragen worden sein.

Vieweger hat bei seiner Suche ebenfalls die Bibel zur Hand genommen, doch anders als viele seiner Vorgänger las er sie nicht als Schatzkarte, sondern als historische Quelle. "Eine richtig gute Quelle", betont er, "doch wir dürfen nicht vergessen, dass sie von Menschen geschrieben wurde. Ob Priester oder Psalmendichter: Die Autoren der Bibel haben die Welt von dem Jerusalem ihrer Zeit aus betrachtet." 

Unser geschichtliches Wissen über die biblischen Zeiten sollten wir uns wie einen geknüpften Teppich vorstellen, sagt Dieter Vieweger. Ein Bruchteil der Schlaufen lasse sich bei Ausgrabungen sicherstellen. Nur Fragmente seien etwa aus der Bibel herauszufiltern. Das Muster des Teppichs lasse sich nicht mehr rekonstruieren, und manche Schlaufen ließen sich nicht in das Muster des heutigen Jerusalems hineinweben.

"Nehmen Sie zum Beispiel die Via Dolorosa", sagt Vieweger. "Historisch gesehen wissen wir, dass wir sie eigentlich an eine andere Stelle und dann auch noch 14 Meter nach unten verlegen müssten. Aber das hat keinen Sinn, dafür müssten ganze Häuserreihen abgerissen werden. Stattdessen müssen wir aufklären: Wir gedenken an dieser Stelle seit Jahrhunderten des Leidens Jesu. Auch wenn die Ereignisse in Wahrheit ein paar Hundert Meter entfernt stattfanden."