Millionen Küsse haben sie glattpoliert: die Steinplatte, auf der Jesu Leichnam nach der Kreuzigung gesalbt worden sein soll. Schulter an Schulter gedrängt, geraten vor allem orthodoxe Christen hier in Ekstase, legen Fotos von Verwandten oder andere persönliche Gegenstände auf die Platte, um sie zu heiligen. Es ist ein Gewühl der Gläubigen: "Manche deponieren sogar ihre Handys darauf", erzählt Amit Metav mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis.

Der weißhaarige Mann kennt diesen Ort wie kaum ein anderer. Jahrelang war er im Namen von Israels Inlandsgeheimdienst dafür verantwortlich, über die Kirche zu wachen. Ebenso wie über zwei weitere Orte, die Millionen Menschen als heilig verehren: Tempelberg und Klagemauer. Es sind Stätten von so großer symbolischer Bedeutung, dass jedes Ereignis hier weitreichende Folgen haben kann. Deswegen ist Metav auch froh, dass "das Gesundheitsministerium hier nie vorbeikommt. Der Salbungsstein ist wahrscheinlich der bakterienreichste Ort Jerusalems. Die Behörde wäre wohl gezwungen, die Grabeskirche zu schließen. Und dann hätten wir die nächste diplomatische Krise."

In Europa stehen beeindruckendere Kirchen, in Kairo prunkvollere mameluckische Paläste, in Mekka größere Moscheen und selbst im säkularen Tel Aviv ältere Synagogen. Doch in Jerusalem "zählt nur der Glaube, nicht Wahrheit oder Fakten", sagt Metav. Der Glaube hat diese Stadt zum Mittelpunkt des religiösen Universums gemacht. Immerhin predigten hier die Propheten, sprachen Auserwählte direkt mit Gott. Kein Wunder also, dass selbst kleine Zwischenfälle an den heiligen Orten bereits zu Kriegen führten und auch heute noch Massen von erregten Gläubigen mobilisieren können.

Nur wenige Schritte trennen Grabeskirche, Tempelberg und Klagemauer. Doch in einer Stadt, in der die Religionen bestenfalls nebeneinander leben, findet man kaum jemanden, der frei zwischen allen drei Orten pendeln kann. Jemanden wie Amit Metav. Der drahtige Rentner nennt die ganze Altstadt "mein Büro": Nach seiner Pensionierung leitete der Exspion eine Schule für Fremdenführer und wurde zum Mittler zwischen Bewohnern und Behörden. Er erstellte die erste Karte, die alle Namen der verschiedenen Örtlichkeiten der Altstadt festhält: "Jede Gasse, jedes Gebäude, jedes Tor hat hier mindestens drei Namen: einen christlichen, arabischen und hebräischen. Wie soll man sich da ohne eine Karte mit allen Namen je verabreden können?" 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2016 © MERIAN

Der intensive Kontakt zu allen Seiten hat Amit Metav verändert: "Meine Erfahrungen hier haben mich offener, toleranter gemacht", sagt der religiöse Jude. Unbekümmert schlendert er durch die Grabeskirche, über fast jeden Stein hat er eine Geschichte parat. Zu Recht – handelt es sich doch um eine der ältesten Kirchen der Welt. Am 13. September im Jahr 335 wurde hier ein erstes Gotteshaus eingeweiht, bestehend aus einer Basilika am Eingang, der Anastasis über dem vermeintlichen Grab Jesu und dem Martyrion über dem Felsen Golgatha, dem Ort der Kreuzigung. Auch wenn der heutige Kreuzfahrerbau aus dem 12. Jahrhundert stark an die ursprünglichen Pläne angelehnt ist, lässt die dunkle, verwinkelte Kirche kaum noch die Dimensionen des gewaltigen Meisterwerks erahnen, das fast alle anderen Bauten seiner Zeit in den Schatten stellte.

Selbst der nüchterne jüdische Geheimdienstler ist immer wieder von diesem Ort bewegt. "Mich fasziniert die Stärke der Emotionen, die er auszulösen vermag – auch der negativen." Neben den Scharen von Gläubigen, die in einer schier endlosen Schlange darauf warten, ins Grab Jesu vorgelassen zu werden, erzählt er von den alltäglichen Scherereien zwischen den Anhängern der verschiedenen christlichen Konfessionen, deren Besitzverhältnisse und Bräuche in der Kirche 1852 im Status quo des osmanischen Sultans akribisch festgehalten und verewigt wurden. Seither wahren alle Denominationen penibel ihre spezifischen Privilegien, zu denen auch gehört, wer wann welche Treppe fegen darf.