Als Bronzestatue steht Karl Marx seit 2018 nahe der Porta Nigra: mit Sockel 5,50 Meter hoch, lange umstritten und nun eine Attraktion. © Lukas Spörl für MERIAN

Das Verhältnis zwischen Trier und seinem berühmtesten Sohn ist kein einfaches. Er selbst hat Trier verlassen, sobald es ihm möglich war. Kaum hatte er sein Abitur, fuhr er mit dem Boot über Mosel und Rhein nach Bonn, von da zog es ihn weiter nach Berlin, Köln, Paris, Brüssel, London. Selten hat er sich in seiner Heimat blicken lassen; in seinem umstürzlerischen Werk spielt sie so gut wie keine Rolle.

Jetzt, 200 Jahre nach seiner Geburt, ist er wieder da, 4,40 Meter aus Bronze auf einem gut einen Meter hohen Sockel, den Blick gen Norden, raus aus Trier, der Bart wie in älteren Jahren, die Gestalt dynamisch schlank wie sie in seinen bartlosen Trierer Zeiten gewesen sein mag. Die Statue ist ein Geschenk Chinas; dort tut man so, als bedeute ihnen der alte Deutsche noch was. Die Trierer debattierten eine Zeit lang, ob sie das Geschenk annehmen sollten oder nicht und verständigten sich schließlich darauf, so zu tun, als freuten sie sich drüber – wenn es nur an eine Stelle käme, wo es nicht weiter stört.

Die Stelle fand sich, jetzt steht er da und niemandem im Weg, der Bronzemarx, ganz in der Nähe der Porta Nigra, und wirkt neben der 13 Meter hohen Brandmauer des Simeonstifts gar nicht so riesig wie befürchtet. Es findet sich kaum noch jemand, der sich aufregt. Eigentlich freut man sich, dass die chinesischen Touristen jetzt einen Grund haben, durch die Fußgängerzone zu laufen, die sich zwischen Marx’ Geburtshaus und seiner Statue erstreckt.

Vor gut 200 Jahren, am 5. Mai 1818, kam Karl Marx in der Brückergasse, heute Brückenstraße, zur Welt. Sein Vater war Anwalt und verdiente bald so gut, dass er der Familie ein Jahr darauf ein Haus in einer repräsentativeren Gegend kaufen konnte, keine hundert Meter von der Stelle, wo heute die Plastik der Chinesen steht.

Trier ging es nicht gut in diesen Jahren. Unter den Franzosen hatte die Wirtschaft floriert, seit 1815 beherrschten aber die Preußen die Region links vom Rhein. Das waren nicht nur Protestanten, also in den Augen der stockkatholischen Trierer quasi Gottlose, sie forderten auch noch unverschämte Steuern. Außerdem ging es durch die Abschaffung von Zollgrenzen mit den neu gegründeten Textilfabriken bergab, und die Moselwinzer wurden ihren Wein nicht mehr los. Von den nur noch 11.000 Trierern war weit über die Hälfte arm oder von Armut bedroht.

In der Stadt gab es mehr brache als bebaute Flächen, die Universität war geschlossen, der Sitz des Kurfürsten verlegt. Wenn er auch selbst in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs, konnte der junge Marx Massenarmut und die Ungerechtigkeit in nächster Nachbarschaft beobachten. Auf die Idee, dass ein organisiertes Industrieproletariat historische Bedeutung erlangen könnte, wäre er in Trier aber kaum gekommen: ohne Industrie kein Proletariat.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2019 © MERIAN

Ungefähr zur Zeit von Karl Marx’ Geburt, trat Vater Heinrich zum Christenglauben über. Er entstammte, wie auch die Mutter, einer Rabbinerfamilie und wäre als Jude in seinem Anwaltsberuf nicht weit gekommen. Dass er in dieser Katholikengegend Protestant wurde, lag zum einen daran, dass die Staatsgewalt inzwischen preußisch war. Zum anderen hatte sich Heinrich Marx den Ideen der Aufklärung verschrieben; da schien ihm wohl das Protestantentum passender.

Sein Sohn, der später jegliche Religion zum "Opium des Volkes" erklären sollte, wurde mit fünf getauft. Anders als das frühere Biografen unterstellten, spielte das Judentum in seiner Familie keine große Rolle. Karl Marx lernte immerhin schon früh, dass die äußeren Umstände den Glauben an die höheren Mächte prägen – dass, wenn man die Sache mit seinen Worten beschreibt, also das Sein das Bewusstsein bestimmt und nicht andersherum.

Das Bewusstsein des jungen Marx wurde von seinem aufgeklärten Vater geprägt, aber auch von dessen Freund Ludwig von Westphalen. Der war preußischer Regierungsrat, ein hohes Tier also. Allerdings eines, das sich, wie Heinrich Marx, zu einer Minderheit zählte: zugezogen, protestantisch, liberal. Es waren unruhige Zeiten. Dass Könige und Fürsten über allem stehen, war seit den französischen Revolutionen 1789 und 1830 nicht mehr so fest in Stein gemeißelt wie früher; auch in den deutschen Landen forderten Bürger Mitsprache. Der preußische König hatte hier und da versprochen, sie an den Staatsgeschäften zu beteiligen; gewollt hat er es nie.

Mit 17 wollte er Dichter werden

Umso größer waren Erwartung und Enttäuschung bei den nicht-adeligen Ständen, umso rigider wiederum Kontrolle und Zensur durch die Staatsorgane. Was sich hier zuspitzte, war, marxistisch gesprochen, ein Klassenkampf: Die herrschende Adelsklasse stand der aufstrebenden Bürgerklasse, der Bourgeoisie, gegenüber. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bürger die Herrschaft übernehmen würden. Jene Klasse also, der die Familien Marx und von Westphalen angehörten.

Ludwig von Westphalen unternahm Wanderungen mit dem jungen Marx durch die prächtige Umgebung Triers und führte ihn, davon darf man ausgehen, in die politischen Zusammenhänge der Zeit ein. Auch etliche Lehrer am Trierer Gymnasium, das Marx seit seinem 13. Lebensjahr besuchte, standen der Königsherrschaft kritisch gegenüber. Man kann kaum davon ausgehen, dass sie vor den Schülern umstürzlerische Reden hielten; das hätte sie ihre Anstellung gekostet. Allein die Verbreitung humanistischen Gedankenguts und aufgeklärter Geschichtsauffassungen war riskant. So bekam der fortschrittliche Direktor, Karl Marx’ Geschichtslehrer, einen konservativen Stellvertreter zur Seite gestellt, den Griechisch- und Lateinpauker. Es war üblich, dass die Abiturienten zum Abschluss den wichtigsten Lehrern ihre Aufwartung machten. Marx verweigerte sie dem reaktionären Altphilologen; manche Biografen deuten das als eine erste Übung in Aufrührerei.

Von rebellischen Ambitionen sind Marx’ früheste erhaltene Schriften jedoch frei. Das sind die Abituraufsätze in Latein, Religion und Deutsch. Sie lassen einen talentierten, zur Schwärmerei neigenden jungen Mann erkennen, der sich müht, den Erwartungen der Lehrer zu genügen. Das gelingt ihm – mit einer Einschränkung: "Verum quam turpis litera!!!" hat der Lehrer unter dem Lateinaufsatz vermerkt: "Was für eine schandbare Handschrift". Hier lässt sich immerhin ein bleibender Zug nachweisen: Auch der alte Revolutionär verfasste seine Schriften in einer schwer entzifferbaren Sauklaue.

Sein Deutschaufsatz behandelt das Thema der Berufswahl. Er mündet in den zeittypisch pathetischen Schluss: "Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Thaten leben still aber ewig-wirkend fort und unsere Asche wird benezt von der glühenden Thräne edler Menschen." Das mag nun jeder deuten, wie er will. Fest steht, dass der Trierer Abiturient nicht vorhatte, Philosoph, Ökonom oder gar Revolutionär zu werden; dazu brauchte er noch ein paar Jahre Studium und Praxis fernab seiner Moselheimat. Mit 17 wollte er Dichter werden.

Was eine vier Jahre ältere, überaus schöne Triererin darin bestärkt haben mag, die Verlobung mit einem anderen zu lösen und sich diesem reimenden Jüngling zuzuwenden. Die beiden kannten sich seit Jahren, handelte es sich doch um die Tochter des Familienfreundes Ludwig von Westphalen. Wohl schon im Herbst 1835 verlobten sich Karl Marx und Jenny von Westphalen. Er war mit dem Abitur durch, stand kurz vor der Abreise zum Studium nach Bonn. Erst in seinen Semesterferien, im Sommer darauf, würden sie sich wiedersehen. Auch danach, während seines Studiums in Berlin und seiner Anfänge als Journalist in Köln, führten sie eine Fernbeziehung. In den ersten Jahren hielten sie die vor ihrer Familie geheim – wegen des Altersunterschieds und weil Marx auch in wirtschaftlicher Hinsicht keine gute Partie war. Erst 1843 heirateten sie. Da hatte sich Karl Marx längst von der Dichterei (zu idealistisch!) abgewandt und der Politik und Philosophie, vor allem Hegel, zugewandt.

Marx’ geliebter Vater starb 1838, seine Mutter gut 25 Jahre später. 25 Jahre, in denen Marx, der nie genug Geld für seine Ansprüche verdiente, auf das Erbe hoffte. Er mochte sich mehr und mehr mit den größeren ökonomischen Zusammenhängen auskennen, was die Bewirtschaftung des eigenen Hausstandes anbelangte, war er eine Niete. War Geld da, gab er es aus. Entsprechend zurückhaltend war seine Mutter mit den Vorschüssen auf die Erbschaft. Entsprechend schlecht war der klamme Sohn auf sie zu sprechen. Als sie starb, hinterließ sie ihm und seinen drei noch lebenden Schwestern eine ansehnliche Erbschaft. Sie war der Anlass seines letzten Besuchs in Trier im Jahr 1863.

Marx lebte da bereits seit 14 Jahren im Londoner Exil – wenn er zurück nach Deutschland gegangen wäre, so nach Berlin. Mit seiner Heimat verband ihn nur mehr die Hoffnung auf das letzte Geld der Familie. In Trier kümmerte er sich um den Verkauf der Anteile an Weinbergen, die seinen Eltern einen stets gut gefüllten Weinkeller beschert hatten und eine bescheidene Dividende. Wer heute vor Marx’ Geburtshaus in Trier steht, muss sich nur umdrehen, blickt in die Auslagen des "Weinhauses Trier" – und sieht einem falschen Marx ins Gesicht. Auf einem Aushang wird ein 2016er Riesling beworben, "Das Kapital", 16,80 Euro die Flasche, angebaut auf den Weinhängen, die einst der Familie Marx gehört hatten. Darunter ein Bild von Mario Adorf in seiner Filmrolle als alter Marx. Der wirkte für die Weinhändler vielleicht echter als der echte auf den paar Fotos, die es von ihm gibt.

Überhaupt wird dem Trier-Besucher, der nach Marx’ Spuren sucht, einiges Abstraktionsvermögen abverlangt. Die Karl-Marx-Straße führt nicht etwa bis zu seinem Geburtshaus, sondern endet hundert Meter davor. Dafür ist sie die Adresse diverser Rotlichtläden – Orte, an denen der Mensch selbst zur Ware wird. Die Ausstellung im Karl-Marx-Haus dient sich auf eher kryptische Weise einem Publikum an, dem man Texte nur mehr in Twitter-Dosis verabreichen möchte. Immerhin, Marx-Büsten gibt es etliche. Und auch einen alten Sessel aus London, in dem soll er gestorben sein, angeblich.

Ansonsten steht noch, gleich neben der Porta Nigra, das Wohnhaus, das die Familie Marx kurz nach der Geburt des kleinen Karl bezog. An seiner Fassade ist zu lesen, dass der spätere Großrevolutionär von 1819 bis 1835 hier gewohnt habe. Im Erdgeschoss vertreibt ein "Euroshop" derzeit Billigzeug, das unter Bedingungen zustande kommt, die Marx beschrieb, als er längst nicht mehr an seine alte Heimat dachte: Waren, deren Fetischcharakter vor allem im niedrigen Preis besteht. Der Kapitalismus lebt, und das Einzige, was in diesem Haus vage an den Kapitalismustöter erinnert, ist ein LED-Weihnachtsmann mit Marx’schem Rauschebart, made in China.