Das Glück des Wanderers: sich auf einen Stuhl fallen lassen, ein Kaffee, ein kleines Bier, der Sonne beim Verschwinden zusehen. Dabei ständig ans Abendessen denken. Wir hängen selig in den Seilen, wir sitzen im Dunkelorange der untergehenden Sonne auf dem Kirchplatz eines winzigen Dorfes mitten in den katalanischen Pyrenäen: Erill la Vall, 1.246 Meter über dem Meeresspiegel. Die Eglesia de Santa Eulàlia wirft ihren romanischen Schatten tief ins Tal.


Es ist eine zeitlose Szenerie: müde Wandervögel, ein Gastwirt mit weißer Schürze, das Glück des ersten Schlucks. Das Abendlicht ist wärmer als erwartet, die hölzernen Läden des "Hostal la Plaça" sind aufgerissen, sein Besitzer Xavier Soriano ist ein kleiner Mann mit großer Ruhe. Im Sommer ist er Kellner, Koch und Hotelier in Personalunion, im Winter wandert er im Himalaja und in den Rocky Mountains. Er stellt uns zwei kalte Bierchen vor die Nase, seine Hunde bellen vor sich hin, ab und zu muht eine Kuh. Über die Katzenkopfsteine stapfen die anderen Wanderer durch das Dorf, stellen ihre Stöcke neben die Herbergstüren und öffnen die Senkel ihrer schweren Stiefel. Xavi rennt hin und her, er klopft auf müde Schultern, öffnet Flaschen, schaut versonnen hoch zu den Gipfeln und grinst dabei. Aus der Küche duftet es nach Bohnen und Speck.

Mit dieser Zufriedenheit habe ich beim besten Willen nicht gerechnet. Ich bin Amateur, ein lächerlicher Wanderer oder vielmehr: ein Wanderer in lächerlichem Kleide. Ich trage eine Jogginghose, einen Fleecepulli mit dem Logo meines Lieblings-Basketballclubs, eine knallorange Plastik-Werbesonnenbrille. Mein Rucksack ist eine Leihgabe meines sechsjährigen Neffen und dementsprechend hellgrün und niedlich. Reinhold Messner würde vor Scham im Berg versinken. Das einzige Kleidungsstück, das zum Wandern taugt, sind meine Schuhe.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2015 © MERIAN

Ein paar Tage zuvor habe ich nach einer fürchterlich gehetzten und zerfransten Woche mitten in Berlin gestanden: Deadlines, letzte Korrekturen, das ständig klingelnde Telefon. An Urlaub war nicht zu denken gewesen, ich hatte bis halb zehn im Büro gesessen, nichts war gepackt, und morgen sollte ich nach Spanien aufbrechen, Wandern im Hochgebirge. Mein Vater, der mich auf meiner Tour begleiten sollte, hatte mir auf die Mailbox gesprochen: Die Schuhe seien das Ein und Alles des Wanderers. Gott sei Dank gab es gleich um die Ecke ein Geschäft für Outdoor-Equipment, wo man auch um 21 Uhr 56 noch Isomatten, Steigeisen und Zelte kaufen kann. "Nationalpark Aigüestortes", antwortete ich auf die Frage, wo ich wandern würde. Ob es dort spitzes Geröll gebe oder eher flaches wüstenartiges Terrain? Keine Ahnung. Höhenmeter oder Strecke? Klettern oder Pilgern? Hochgebirge oder rollende Hügel? "Einer für alles", sagte ich, "Größe 47."

Aigüestortes i Estany de Sant Maurici ist der einzige Nationalpark in Katalonien. Er ist klein, 20 mal 20 Kilometer, und liegt dicht an der französischen Grenze. Seit 1955 wird hier nicht gebaut, es gibt keine Autos und Siedlungen, sondern Greifvögel und Murmeltiere. Und mehr als 200 Seen und Tümpel. Das Naturschutzgebiet kann man nur in den Sommermonaten und nur zu Fuß durchqueren. Es gibt ein paar bewirtschaftete Hütten und im Vall de Boí neun romanische Kirchen, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Es gibt wildes Wetter und Schnee im Juni, immer ist die Rede von einer mysteriösen Freiheit und Ruhe. Deswegen brachen wir auf, Vater und Sohn, um mal wieder in Ruhe zu
schweigen.