Die Räume zeigen nicht nur Kunst, sie spielen auch mit dem Tageslicht und den Schatten, die der Park durch riesige Fenster wirft. © Philip Koschel für MERIAN

Seit einer halben Stunde sitze ich auf einer Bank, tief ziehen Wolkenhaufen über den Øresund, Menschen laufen durch mein Blickfeld, bleiben stehen, schauen auf glänzende Skulpturen und weiße Pavillons. Über den sattgrünen Rasen rennen ohne jede Hemmung Kinder. So ist das im Louisiana, dem dänischen Mythos, jenem Museum mit Park im hohen Norden, wo 3.500 Kunstwerke zu Hause sind.

Jenseits des Øresund, der Meerenge, flimmert die schwedische Küste, davor, irgendwo im Trüben, liegt die Insel Hven, auf der Tycho Brahe vor Jahrhunderten sein Observatorium betrieb. Sanft streicht der Wind übers Land und lässt die Bäume rauschen. Neben mir fläzt Henry Moores Skulptur Liegende Frau in zwei Teilen Nr. 5. Auf dem Sockel der Bronze sitzt ein Paar und kaut entspannt Butterbrote, eine Thermoskanne neben sich. Ein kleiner Junge versucht, an den Rundungen der massigen Statue emporzuklettern.

Es ist genau so, wie alle sagen, die schon einmal hier waren: Das Louisiana ist ein lebendiges Museum, ein Park voller Skulpturen und Gebäude, die wirken, als seien sie hier hineinge­wachsen. Einladend, irgendwie gemütlich. Kein museal anmutender Ort, an dem sich Besucherinnen das Wesen einer Ausstellung Stockwerk für Stockwerk erarbeiten müssen. Hier lauert die Kunst überall, unter Bäumen und zwischen Büschen, in hellen, großen Räumen, eigentlich hinter jeder Ecke.

Gammel Strandvej, ein Herbsttag im Jahr 1954. Wie immer spaziert Knud Jensen am Øresund entlang, vorbei an der Kirche von Humlebæk, und wie immer blickt er sehnsüchtig auf die ver­lassene weiße Villa am Ende der Straße. Diesmal fasst er sich ein Herz: Er springt über den Zaun und wandert durch den verwilderten Park, streift durch den alten Rosengarten, umrundet die verfallene Fasanerie, den klei­nen Waldsee. In seiner Biografie, 1985 erschienen, schreibt er: "Hier war nun der Ort, von dem ich immer geträumt hatte." Für ihn muss es sich angefühlt haben, als hätte er Dornröschens Schloss erobert.

Knud John Peter Wadum Jensen, ge­boren 1916, gestorben 2000, Käsefabrikant, Verleger, Kunstsammler. Sein Traum: ein eigenes Museum. Hier am Øresund soll es liegen, dem Meer zu­gewandt, mit der weißen Villa als Mittelpunkt, und nicht in Kopenhagen, das damals schon 15 Museen hat. Loui­siana liegt etwa 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt und ist in einer halben Stunde gut mit der Bahn zu erreichen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2018 © MERIAN

Der Ort ist perfekt. Und der Name von Jensens Entdeckung sowieso: Louisiana klingt geheimnisvoll, exo­tisch, nach weiter Welt. Jensen hat ihn vom ersten Besitzer des Anwesens übernommen. Der hieß Alexander Brun und war dreimal verheiratet – und sage und schreibe mit drei Frauen gleichen Namens: Louise. Jensen schreibt: "Es lag auf der Hand, diesen schönen Namen zu behalten."

Durch eine Glasschiebetür in der alten Villa trete ich ein in die weite Louisiana-Welt. Es geht durch einen grau gehaltenen Gang, in dem Fotografien der kubanischen Künstlerin Ana Mendieta hängen, darunter ein berühmtes Porträt, das sie im roten Rollkragenpulli zeigt, den Blick nachdenklich, über den Lippen ein buschiger Schnurrbart. Gleich daneben liegt ein kleiner Raum mit Werken der Konstruktivisten Kasimir Malewitsch und László Moholy­-Nagy. Dazwischen hängt, fast beiläufig, ein Bild von Wassily Kandinsky. Schon nach wenigen Metern kommt mir der Gedanke: Kunst braucht nicht immer den großen Auftritt, um eindrucksvoll zu sein. Diese Leichtigkeit der Präsentation! Hier die Pop-Art von Robert Rauschenberg und Andy Warhol, von Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg, dort die Bilderwelten der Dänen Per Kirkeby und Asger Jorn, dann auf einmal Francis Bacon und Pablo Picasso.

Ich laufe durch den bunt leuchtenden Spiegelraum der Japanerin Yayoi Kusama und begegne dem gruseligen Spinnenpaar der Französin Louise Bourgeois. So geht es munter weiter, jeder Raum, jeder Gang wieder überraschend. Eintönig wird es hier nie.