Schnell treibt Kunz Krell sein Pferd voran. Von Leipzig nach Innsbruck, das bedeutet eine Reise über unbefestigte Pfade und durch unsichere Wälder. Seit Tagen ist er unterwegs, stets in Angst vor Wegelagerern. Er muss sich beeilen, seine Mission erlaubt keinen Aufschub. Es ist Frühjahr 1497.

Kunz Krell wäre ein guter Fang. Er ist Kaufmann. Ratsherr der Stadt Leipzig. Er hat ein Vermögen in seinem Gepäck, 178 Gulden aus dem Stadtsäckel, Geld, das für den Kauf von sechs, sieben Häusern reichen würde. Niemals darf dieser Schatz in falsche Hände geraten, denn Krell braucht ihn für sein großes Ziel: Er will Leipzig das Messe-Privileg sichern. Deshalb die beschwerliche Reise nach Innsbruck, 600 Kilometer weit, an den Hof Maximilians, Erzherzog von Österreich und "von Gottes Gnaden Römischer König". Ein für alle Mal soll der Herrscher das Recht verfügen, dass einzig Leipzig unter seinem Schutz Jahrmärkte veranstalten darf. Eine Garantie für ewigen Reichtum.

Dabei ist Leipzig schon jetzt reich. "Die Bevölkerung schwimmt in Geld", stellt 1485 Konrad Wimpina fest, Theologieprofessor der Leipziger Universität. Vor allem dank der Messen, die zu Neujahr, Ostern und Michaelis, Ende September, den Handel mit ganz verschiedenen Waren ankurbeln: Salz und Safran, Tuch und Felle, Fisch und Silber.

Doch andere Städte ahmen Leipzig nach. Merseburg, Halberstadt, Meißen halten eigene Jahrmärkte ab. Die alte Kaiserstadt Magdeburg ruft gleich zweimal im Jahr die Händler auf ihren Marktplatz. Die Konkurrenten schmälern Leipzigs Gewinn. Aber Krell hat Glück: Am 20. Juli 1497 unterzeichnet der König die ersehnte Urkunde. "Hinfur in künftig Zeyt" verbietet er den umliegenden Bistümern bei Strafe die Veranstaltung neuer Märkte. Von nun an führen alle Handelswege über Leipzig. Der Aufstieg der Stadt zum neuen Messe-Olymp ist besiegelt. Zehn Jahre später wird das Verbot auf einen Umkreis von 125 Kilometern ausgedehnt. Nun hat auch Rivale Erfurt keine Chance mehr.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2015 © MERIAN

Leipzigs Geschichte ist die Geschichte von Jahrmärkten, den späteren Messen: Seit Jahrhunderten blüht der Handel an diesem günstig gelegenen Ort. Hier kreuzen Via Regia und Via Imperii, Königs- und Reichsstraße, zwei Handelsrouten, die sich von Ost nach West und von Süd nach Nord durch Europa ziehen – Treffpunkt und Tauschplatz vieler Kaufleute. Als 1165 Otto der Reiche, Markgraf von Meißen, den Leipzigern das Stadtrecht verleiht, erlaubt er ihnen, Jahrmärkte abzuhalten. Seitdem strömen die Kaufleute nach Leipzig. Und jede Messe zieht mehr und mehr fahrendes Volk an: Gaukler, Feuerschlucker, Wurmdoktoren, Bänkelsänger, Marionettenspieler.

1650 bestaunen die Besucher einen "sehr gelehrigen Elephanten"; 1684, zur Michaelismesse, sind "gedörrte Türkenköpfe" ausgestellt, "mit abscheulichen Gesichtern, seltsamen Bärten und Haaren"; Leipzigs Messen sind auch bizarres Spektakel.

Selbst August der Starke, Sachsens Kurfürst und von 1697 bis 1733 auch Polens König, zieht es in die Stadt. Dreißig Mal, kommt er, fast immer zu Messezeiten. Zu Ostern des Jahres 1710 präsentiert er hier erstmals das Meißner Porzellan, das "weiße Gold", das sein Alchemist Johann Friedrich Böttger erschaffen hat. Leipzig, die Stadt des Bürgertums, ist Augusts Bühne, ein Ort für rauschende Feste, für Theaterbesuche und Ballnächte. Ein teures Vergnügen für die Stadt: Jeder Besuch ihres Fürsten kostet die Einwohner 30.000 Taler. Und trotzdem ist es Leipzigs Glanzzeit.