Ein Tag mitten in der Woche, die Sonne scheint, und dem Zoo in Leipzig büxt mal wieder einer seiner Pfauen aus. Jault kurz auf und schummelt sich am Fenster des Wirtschaftstors vorbei. Die Pförtnerin kennt diese Mätzchen schon: "Der will zur Straße, Futtersuche", kommentiert sie knapp. Sorgen muss sie sich nicht machen, das Tier kann fliegen, und den Autos kommt es nicht zu nahe. Und gänzlich stiften gegangen ist noch keines ihrer Exemplare aus der Ordnung der Hühnervögel.

Freiheit für das Federvieh? Beim Anblick des Leipziger Zoos möchte man sagen: Es gibt Zoos, und es gibt Leipzig. Hier fällt es schwer, auf Seiten jener Tierschützer zu sein, die solchen Orten vorwerfen, Tiere für Schauzwecke zu missbrauchen. Denn hier, mitten in der Innenstadt, leben "Elefant, Tiger & Co." – die Fernsehserie wird hier gedreht – so fröhlich vor sich hin, dass man sie glatt in freier Wildbahn wähnt. Und ihre Gehege haben so schöne Namen wie Tiger-Taiga, Löwensavanne, Elefantentempel und Gondwanaland.

Nur auf Pongoland, der wunderbaren Affeninsel und größten Primatenanlage weltweit, drohen an diesem Tag Konflikte: Die Orang-Utan-Dame Padana schmeißt mal wieder um sich. Sie wirft gern mit Sachen, wahlweise mit Futter, Erde, Hölzern, diesmal ist es ein Stück Kot. Doch was treibt sie zum Fäkalangriff – ist es Freude, ist es Grimm? Ein persönliches Begrüßungsritual? Den Arm erhebt sie, als Johannes Großmann in ihr Blickfeld tritt. Der Biologe ist kein flüchtiger Besucher, der ein Selfie mit ihr will, er ist einer, der immer wieder
Übungen mit ihr macht, Spielchen, Tests. Und der dabei das Beste mitführt, was sich Padana denken kann in ihrem Leben: Früchte! Bananen, Trauben. Nur gerade hat er keine bei sich, vielleicht deshalb die Gebärde? Padana hoppelt weiter auf ihn zu, die Hand noch immer voll. Doch Glück für Großmann: Beide trennt eine Scheibe Plexiglas.

Die Geste des Orang-Utan-Weibchens ist in Pongoland Gegenstand der Untersuchung: die Menschenaffen, unseren nächsten Verwandten, zu erforschen. Wie sie die Welt begreifen, wie sie kommunizieren, ob sie kooperieren, ob sie Gefühle haben, und was sie letztlich von uns unterscheidet. Erst vor rund fünf Millionen Jahren – in der Erdgeschichte nur ein Wimpernschlag – separierten sich Frühmenschen von anderen Menschenaffen, genetisch sind wir noch immer fast identisch. Das Erbgut des Orang-Utans unterscheidet sich von unserem nur um rund drei Prozent, bei Gorillas und Schimpansen sind es weniger als zwei Prozent.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2015 © MERIAN

Trotz dieser Nähe sind die Unterschiede offenbar. Padanas Exkrementen-Wurf in Richtung Großmann muss keineswegs böse gemeint sein. "Es kann auch sein, dass sie mir den Arm auskugelt", sagt der Forschungsassistent, "wenn ich zu ihr ins Gehege gehe. Einfach, weil das ihre Art ist, mit einem anderen Affen zu spielen." Zu oft würde der Primat falsch interpretiert. Auch die Affen auf Bildern in Kalendern, die unter einer albernen Mütze die Zähne blecken und die Mundwinkel nach oben ziehen. "Die lachen nicht, das ist ein Angstgesicht", sagt der Forscher.

Er gehört zu einem Team von internationalen Wissenschaftlern, das im Auftrag des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) das Leben von Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas und Bonobos untersucht. Vier Fußballfelder groß ist Pongoland. Ein Bambus-Dickicht, kleine Hütten und ein verfallender Uralt-Truck imitieren Dschungelatmosphäre, die Temperatur ist fast tropisch. Hier sollen die Affen nicht nur spielen, kraulen, lausen, sie werden auch zu Probanden. Wobei keiner zur Teilnahme an den Studien gezwungen wird. Schimpansen sind sowieso viel lieber faul, wohingegen Gorillas und Bonobos schnell zu begeistern sind. Denn zur Belohnung winken Nüsse oder Früchte. Affenschule ist täglich von acht bis halb eins, und die Besucher können zusehen, wenn Tier und Biologe Platz nehmen zum Experiment. Der eine ausgestattet mit Zetteln, Kamera und Laptop, der andere nur mit seiner Gier nach Süßkram. Alles ganz nah und doch getrennt, eben durch Plexiglas: die Zuschauer von den Forschern, die Forscher von den Affen. Vorsicht muss sein, denn der Affe – selbst wenn er im Zoo geboren wurde – bleibt ein wildes Tier. Da kann er noch so drollig grimassieren. Ob Baby-Schimpanse oder Gorilla-Silberrücken, Zähne und Muskeln haben sie alle. "Wer in der Lage ist, in Zeitlupe einen Klimmzug zu machen, an dessen Ende er lässig auf einer Stange sitzt, der dürfte ziemlich kräftig sein." Großmann muss es wissen, er arbeitet seit sechs Jahren in Pongoland.

Hinter der Schutzwand aber ist das Geschehen transparent. Und verstärkt den Eindruck, dass so ein Affe manchmal schlauer ist als manches Menschenkind. Da kriegt das Orang-Utan-Weibchen Dokana einen Zylinder hingestellt, auf dessen Boden eine Erdnuss liegt, dazu drei Werkzeuge, um nach der Nuss zu fischen. Sie aber sucht sich Wasser, füllt den Zylinder auf, bis die Nuss oben schwimmt und sie danach greifen kann.

Eine andere Übung funktioniert wie das altbekannte Hütchenspiel: Drei Becher werden dem Bonobo-Männchen Kuno präsentiert, unter dem ersten ist nichts, unter dem zweiten eine Traube, unter dem dritten ein Stück Fruchteis. Darf Kuno sofort wählen, nimmt er den Fruchteis-Becher. Er scheint zu wissen: Eis ist besser als Traube, Traube ist besser als nichts. Lässt man ihn eine Stunde warten, wählt er häufiger den Trauben-Becher. Denn das Eis ist längst zerlaufen. Das Fazit also: Der Affe weiß, dass Eis schmilzt und dass das Verstecken eine Stunde her ist. "Beim Menschen heißt das episodisches Gedächtnis", sagt Großmann, "beim Affen episodenähnliches." Denn der Vergleich zum Menschen ist schwierig, der kann seine Wahl verbal begründen. Was in Kunos Kopf vor sich geht, ahnen die Wissenschaftler höchstens.