Am Weihnachtstag des Jahres 2010 saß Sebastian Frankenberger hoch über der Stadt, las in der Bibel und hing schweren Gedanken nach. Warum verhängt ein liebender Gott harte Strafen? Warum ist es so mühsam, für Demokratie zu kämpfen? Wie konnte es geschehen, dass eine Unternehmensberatung im Dienst der katholischen Kirche seinen Plan durchkreuzte, einmal Pfarrer zu werden? Und wie, um Himmels willen, sollte er sich hier oben ohne Dusche die schulterlangen Haare waschen?

Für eine Woche hatte der junge Mann aus Passau sich im Turmzimmer des Linzer Mariendoms einquartiert, müde von seinem Erfolg als Initiator eines Volksbegehrens gegen das Rauchen im öffentlichen Raum, voller Zweifel über seinen weiteren Weg. Zum neuen Jahr würde er die 395 Stufen wieder hinabsteigen und den Schlüssel an den nächsten Eremiten auf Zeit weitergeben. Immer wieder werden in der kargen Zelle 68 Meter über dem Domplatz Krisen überwunden, Gedanken zur Welt gebracht, Einsichten niedergeschrieben und Lebensziele neu ausgerichtet; in endloser Reihe haben Musiklehrer, Hoteldirektorinnen, Azubis, Büromenschen und Rentner hier innere Zwiesprache gehalten, dem Klang der Kirchenglocken gelauscht, endlich einmal wieder entspannt geschlafen und ihr Smartphone vielleicht nur in den ersten paar Stunden vermisst. Sieben Tage allein mit sich selbst – das scheint ein Herzenswunsch zu sein: Die Warteliste der Turmeremiten ist auf anderthalb Jahre lückenlos gefüllt.

Frankenberger, auch das gehört zum guten Ende der Geschichte vom Mann im Turm, fährt seither hundertmal pro Jahr und öfter an der Donau entlang die 80 Kilometer von Niederbayern nach Oberösterreich, eine Strecke, deren Schönheit immer noch seine Seele berührt: durch ein breites, grünes Tal, vorbei an der Abtei der schweigenden Trappisten-Mönche in Engelhartszell und der Festung Vichtenstein. Jedes Mal winkt er kurz aus dem Auto zur Burg Rannariedl hinauf, träumt für ein paar Sekunden davon, in einem Turmzimmer dort oben zu wohnen und über das Land zu schauen. Und wenn es die Zeit erlaubt, folgt er dem mächtigen Strom auch entlang der Schlögener Schlinge mitten durch die Einsamkeit einer üppigen Natur.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2016 © MERIAN

Um am Ziel seiner Reise Gäste durch eine Stadt zu führen, in der das alles zusammenkommt und einander durchdringt, Demut und Neugier, Donauromantik und junge Kunst, barocke Frömmigkeit und eine fast kindliche Freude an digitaler Technik. Als Notfallseelsorger, Jungpolitiker und Beinahe-Theologe aus der Barockstadt Passau mit Zusatzqualifikationen als Fremdenführer, Ausbilder und Turmeremit in Linz ist er mit dem Stoff vertraut genug und hat doch die notwendige Distanz, um zu begründen, dass kein Widerspruch darin liegt – im Lichtertanz computergesteuerter Drohnen über der dunklen Donau und der Inszenierung virtueller Welten in den Kreativzentren am Ufer, in der harten Arbeit der Stahlkocher, deren riesige Öfen unmittelbar südlich an die Innenstadt anschließen, und ihrem Stolz, die Krise mit radikal neuer Technik und einem globalen Netzwerk an Kooperationen überwunden zu haben. In Linz wird Geld verdient. Ideen kommen in die Welt. Und die Luft im Industrierevier soll heute so sauber sein wie anderswo in einem Wohnviertel.

Selbst die alt-österreichische Kaffeehausatmosphäre in der k. u. k. Hofbäckerei oder der Konditorei Jindrak fügt sich ins Bild. Denn wer die beste, wahrhaftigste Linzer Torte ausfindig machen möchte, der sollte wie ein Forscher zu Werk gehen, also a) allein dem eigenen Urteil vertrauen und sich b) auf umfangreiche Versuchsreihen gefasst machen. Ist das nicht genau die Botschaft, die sie auch im Besucherzentrum der Stahlwerke Voestalpine AG formulieren, indem sie 400 Sorten Stahl wie in einem Museum für moderne Kunst präsentieren? Oder im Zukunftslabor der Ars Electronica auf der anderen Seite der Donau, wenn sie die Besucher des Hauses zu einem Spaziergang auf der Sonne einladen und Gegenstände allein durch die Kraft der Gedanken in Bewegung setzen? Fest steht: Gewürze gehören in die Torte, geröstete Haselnüsse, Mandeln, Butter, Schlagobers und Ribiselmarmelade. Und bitte keine Himbeeren!