Die ersten fünf sind jung. Sie kommen angerannt, offene Jacken, schlackernde Handtaschen, zwei von ihnen drehen sich noch im Laufen um, das Handy in der Hand und so gezückt, dass das eigene Gesicht und sonst niemand mit dem Kunstwerk im Hintergrund auf dem Selfie zu sehen ist. Ein Foto, das im Laufe des Tages so nicht mehr möglich sein wird.

Es ist kurz nach neun am Donnerstagmorgen, der Louvre hat gerade seine Pforten geöffnet, und es ist noch still im Raum, der nach dem Gemälde heißt, das er beherbergt: Salle de la Joconde, auf Deutsch Saal der Gioconda, denn die junge Frau darauf ist aller Wahrscheinlichkeit nach Lisa del Giocondo, Gemahlin eines Florentiner Kaufmanns und Seidenhändlers, gemalt von Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1506. Der deutsche Titel "Mona Lisa" entstand aus einem Flüchtigkeitsfehler: Eigentlich müsste es Monna Lisa heißen, "Monna" ist die italienische Kurzform für Madonna und bedeutet ganz einfach: Frau.

Bisher hatten wir sie für uns, der Fotograf und ich. 15 Minuten allein mit der "Mona Lisa", ein Privileg. 77 mal 53 Zentimeter misst das Gemälde, das als das berühmteste der Welt gilt. Es wirkt fast unscheinbar, wie es da hängt, hinter Panzerglas und allein an einer hellen Stellwand mitten im Saal, gegenüber "Die Hochzeit zu Kana" von Paolo Veronese, fast 7 mal 10 Meter, ein Monumentalwerk, eines der größten Bilder, das je auf Leinwand gemalt wurde. Darauf zu sehen: 133 Menschen, die eng nebeneinandersitzen, trinken, essen, musizieren oder der Musik lauschen.

"Die Hochzeit zu Kana" erzählt eine Geschichte: Wie Jesus Christus Wasser zu Wein werden lässt. Es dauert, das alles, was da auf der Leinwand passiert, zu sortieren. Ganz anders als bei der "Mona Lisa", die ja nicht nur zurückgezogen an einer Wand hängt, sondern auch allein und tatenlos im Bild ist. Sie sitzt da, reglos, gestraffter Oberkörper, sanftes Lächeln, den Blick in die Ferne gerichtet.

Es ist schwierig, Zugang zu ihr zu finden. Und das liegt nicht daran, dass jetzt immer mehr Menschen in den Raum kommen. Die Entfernung ist zu groß, und das Glas blendet ganz leicht. Es ist unmöglich, einzutauchen in die Feinheiten der Malerei, man sieht keine Risse, keine Brüche, keine Pinselstriche, Pigmente, Schichten, Farbverläufe.

Wäre das Glas nicht, sagt Marie-Claude, würden alle versuchen, das Gemälde anzufassen. So war es früher, als die "Mona Lisa" noch an der Wand zwischen anderen Bildern hing. Marie-Claude ist eine von vier Wärtern und Wärterinnen, die rechts und links der "Mona Lisa" auf hohen Hockern sitzen. Sie passen auf, dass niemand etwas nach dem Bild wirft, wie der bolivianische Tourist Ugo Villegas, der am 30. Dezember 1956 einen Stein auf die "Mona Lisa" schmiss, der das Glas zerstörte und die Malschicht am linken Ellbogen aufriss. Die Bewacher sorgen aber auch dafür, dass sich die Leute nicht darum prügeln, in der ersten Reihe zu stehen, und niemand vor das Absperrband tritt. Nur Rollstuhlfahrer dürfen näher ran. Und Beyoncé und Jay-Z, die schon auch, mit Spezialerlaubnis.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2019 © MERIAN

Seit das Popstar-Paar im Louvre das Video "Apeshit" unter dem Namen The Carters gedreht hat, haben noch mehr Menschen als vorher den Louvre besucht. 10,2 Millionen waren es 2018, 25 Prozent mehr als 2017. Der Direktor des Louvre, Jean-Luc Martinez, führt das auf den Videoclip zurück, der allein vom Sommer 2018 bis Anfang 2019 160 Millionen Mal auf YouTube angesehen wurde.

Martinez, der den Louvre seit 2013 leitet, hat von Anfang an betont, dass ihm Stars willkommen sind. Er betrachtet sie nicht als gutes Marketing, sondern als Erweiterung des Horizonts. "Ein Fußballer, ein Sänger, eine Tänzerin sieht ein Kunstwerk anders als ein Kunsthistoriker", sagt er. "Und so versteht auch das Publikum, dass die Rezeption eines Kunstwerks subjektiv ist."

Ein Teil der Kunstwelt meint, das Fotografieren mit dem Handy im Museum würde das Kunsterlebnis zerstören, das Selfie gehöre verboten. Martinez hält dagegen. Er sagt, dass man den Menschen nicht Lust aufs Museum macht, wenn man ihnen ständig etwas verbietet. Kultur würde die Menschen einschüchtern, und der Louvre besonders. Man müsse froh und dankbar darüber sein, wenn sie trotzdem kämen.

Martinez, 55, stammt aus der Pariser Vorstadt, sein Vater war Briefträger,seine Mutter Hausmeisterin, und seine Eltern, sagt er, wussten nicht, was ein Museum ist. Auch er wäre nie in eines gegangen, wäre nicht dieser Schulausflug gewesen. Darum steht für ihn fest, dass die Menschen nicht automatisch ins Museum kommen. Man muss sie gewinnen. Und darf die, die man gewonnen hat, nicht verlieren. Wenn ein Tourist durchschnittlich zwei Stunden und 45 Minuten Zeit für den Louvre hat und auch nur ein Werk sieht, das ihn berührt, kommt er vielleicht wieder.