Handyfotos oder Selfies sind für Martinez der menschliche Versuch, etwas zu behalten, so wie Postkarten. "Niemand ist auf die Idee gekommen, die Postkartenkäufer für Idioten zu halten. Dabei ist die Postkarte auch kein Kunstwerk, es ist eine Form, sich seine Erinnerung zu erhalten. Genau wie das Selfie. Der Vorwurf besteht ja darin, dass die Hochkultur sagt, die Leute schauen sich das Werk nicht an, sondern möchten nur ihr Foto machen. Aber was ist das eigentlich, ein Kunstwerk zu betrachten?"

Um zehn waren zwischen 200 und 300 Menschen in der Salle de la Joconde. Sie alle betrachten das Kunstwerk unterschiedlich: Eine Schulklasse, 12-Jährige, macht eine Schnitzeljagd durch den Louvre. Die Kinder müssen so nah an die "Mona Lisa" rankommen, dass sie Daten von der Texttafel auf ihre Blätter übertragen können. "Habt ihr das Bild überhaupt angesehen?", fragt der Lehrer streng. Sie nicken, füllen aufgeregt ihre Kästchen aus, hasten weiter.

Ein Paar steht nebeneinander Hand in Hand. Sie, blonde Locken, große goldene Kreolen, sagt: "Sie sieht so glücklich aus." Er, die Arme fast komplett tätowiert, schaut sie an: "Ich habe mich gerade gefragt, was ihr wohl für ein Scheiß passiert ist." Sie schüttelt den Kopf, sodass die Kreolen wild schaukeln, und sagt: "Ich würde gern was lesen über sie." Aber es ist weit bis zur Verleihstation des Audio Guide.

Eine Mutter mit Kinderwagen lehnt an der Absperrung. Ihr Mann fotografiert abwechselnd die beiden größeren Kinder mit der "Mona Lisa", dann hält die Mutter das Baby fürs Foto hoch. Sie stammen aus Kansas, aber leben jetzt in Spanien. Im Louvre sind sie vor allem, weil die Schwester der Mutter Lisa heißt und in der Familie immer Mona Lisa genannt wurde.

Außer der "Mona Lisa" möchten sie die "Venus von Milo" sehen. Und die Siegesgöttin Nike von Samothrake, eine mächtige griechische Skulptur von vermutlich um 190 vor Christus. Am liebsten – wenn die Kinder durchhalten – den ganzen "Parcours Beyoncé". Die Mutter lacht. "Ich weiß", sagt sie, "wir sind schrecklich, wir kommen, machen unsere Fotos und gehen wieder."

Um halb elf Uhr hat man das Gefühl, in einer Bahnhofshalle zu stehen. Um elf lassen sich die ersten Besucher vor der "Hochzeit zu Kana" im Schneidersitz nieder, trinken aus ihren Wasserflaschen, seufzen, lehnen sich an ihre Nachbarn. Vom Platz der Wärterinnen aus kann man fabelhafte Modestudien betreiben. Maxirock zu Jeansjacke. Hosen mit Schlag. Plisseeröcke. Sneakers ohne Ende. Doc Martens. Kaum High Heels, zu anstrengend im Museum. Kapuzenpullis. Rot-weiß gemusterte Norwegerpullis. Leggings. Parka mit Fellkapuzen. Der neue Pariser Wintertrend scheinen rot-schwarz karierte Wollmäntel zu sein.

Marie-Claude sagt, es sei nichts los heute, wir müssten mal am Wochenende kommen, da könne sich keiner hier auf den Boden setzen und ausruhen. Da sei ein Gedränge, sodass die Leute fragen würden, wo eigentlich die "Hochzeit zu Kana" sei. Sie sähen sie nicht. Manchmal sei es so schlimm, heiß und voll, alle seien gereizt, da müssten sie den Einlass kontrollieren wie Türsteher.

Tausend Wärter und Wärterinnen sind im Louvre beschäftigt, zweitausend Mitarbeiter insgesamt. Marie-Claude hat Mathematik studiert, war Patissière und Sozialarbeiterin und kam dann in den Louvre. So ähnlich seien die Biografien der meisten hier, sagt sie. Um Kraft zu tanken, empfiehlt Marie-Claude "Die Vögel" von Georges Braque, eines der ganz wenigen Werke der modernen Kunst im Louvre. Ein quadratischer Raum, Holzbänke an den Wänden, und an der Decke die schwarzen Vögel mit weit ausgebreiteten Schwingen, blauer Himmel, weiße Sterne, weißer Mond, eingerahmt von opulenten vergoldeten Schnitzereien. Es ist, als ströme frische Luft hinein. Mit etwas Glück hat man den Raum eine Weile lang für sich und schaut diesen Vögeln zu, wie sie ins Unendliche ziehen.

Manche Besucher schaffen es trotz des Geräuschpegels, sich zu vertiefen. Sie wirken konzentriert, gerührt, sogar hingerissen. Sie betrachten die "Mona Lisa" erst von einer Seite und bahnen sich dann geduldig den Weg auf die andere Seite. Manche hören dabei dem Audio Guide zu. Ein Paar redet angeregt miteinander. Sie, graue kurze wilde Haare und knallroter Mund, kommt zu einer Wärterin und fragt: "Hing die ›Mona Lisa‹ nicht früher anders?" Die Wärterin nickt und sagt: "Ja, sie hing an der Wand dort, die Wand war rot, und man kam dem Bild viel näher, aber gleichzeitig kamen nur wenige an sie heran, die anderen sahen gar nichts."

Die Frau nickt und geht wieder zu ihrem Mann zurück. Sie bleiben noch einmal zehn Minuten stehen, reden jetzt nicht mehr, schauen einfach, andächtig. Die Wärterin sagt, manchmal seien Menschen regelrecht ergriffen von dem Bild. Wie die ältere Dame, die angefangen hätte zu weinen, als sie vor der "Mona Lisa" stand. Sie, also die Wärterin, sprang auf und wollte helfen, da sagte der Sohn der Dame, der sie begleitete, "meine Mutter hat sich ihr ganzes Leben lang so gewünscht, einmal die ›Mona Lisa‹ zu sehen. Wir sind aus Amerika hergekommen."