Alles sei Fluss und das Gedächtnis ein tiefer Brunnen. Unergründlich. "In ihm findest du jene Geheimnisse, die wir als Geschichte bezeichnen!"

Ich ahne, dass es Großvater war, der mir diese Sätze in meine Träume geschmuggelt hat. Großvater, den ich, wenn wir miteinander "Wörter" spielten, Capitán del Mar nannte. Ich sah ihn nur einmal im Jahr. In den großen Ferien. Marinero, sagte er dann. Er sei ein Meermann. "Und ein Schmuggler!" Darauf legte er Wert. Zu Lande. Zu Wasser. Ich denke oft an ihn. Besonders dort, wo ich begreifen möchte, was ich sehe. "Erklär mir Andalusien!", sagte ich eines Abends. "Erklär mir den Wind!", antwortete er. "Das Wasser. Das Land!" 

Großvater war ein Schmuggler singulärer Art. Seine Ware passierte jede Zollschranke, hatte den Bürgerkrieg überstanden und die Diktatur danach. Fast. Was er schmuggelte, war nicht mehr selbstverständlich und offenbarte doch das Überleben seiner Tage und Nächte. Brot und Bücher. Hunger und Wissen. Sie war das ernste Spiel aus Wörtern und Sätzen, wohlüberlegtem Aufbegehren und filigranem Widerstand. Auch unser Spiel. Daraus formte er Geschichten. Immer. Wonach ich ihn auch fragte. Dann schien er seine Sätze nicht laut auszusprechen, sondern die Worte ins Weite zu lächeln, tunkte das Brot ins Olivenöl und sinnierte. Sätze, die er mir schließlich doch verriet und auf meine eigenen Reisen mitgab, bevor ich spätabends einschlief. Einer davon lautete: "Andalusien ist eine Uhrzeit. Jetzt!" So lernte ich den Augenblick kennen.

Im Spanischen heißt jetzt ahora. Die Uhrzeit als Augenblick, der ist; nie war, allenfalls gewesen ist. Jede Vergangenheit ist Gegenwart. Ein Atemzug, auch dort, wo ich zurückschaue. Und plötzlich ist der "Seufzer des Mauren" vor den Toren Granadas kein historisches Fleckchen Erde mehr, auf dem der letzte Herrscher Granadas den katholischen Königen die Stadtschlüssel überreicht hatte, damit die Alhambra nicht zerstört werde, sondern die Geste einer demütigen Größe im Eingeständnis einer Niederlage, und Ronda ist nicht mehr nur das architektonische Wunder aus Naturverwerfung und Menschenansiedlung, vielmehr das Sinnbild einer Notwendigkeit, sich der Landschaft anzudienen.

Wer das erahnt, beginnt Andalusien zu verstehen. Den Guadalquivir, der Orangen und Zitronen aus den Gedichten Lorcas blühen lässt; die Mondin, die als Komplizin jeder Erregung Schattenwürfe erkundet; den Schnee der Sierra Nevada im Zusammenfluss der beiden Flüsse Granadas, der auf die Zunge der Betrachtung Weizensamen streut; die Olivenfelder Jaéns, auf denen sich das ursprüngliche Meer weitersingt. In jeder Olive, die mundet, schmeckt der Überlebenskampf der Tagelöhner die Poesie, die das Glas zerspringen lässt. Das Netz, die Arbeit, der Trockenlohn.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 10/2018. © MERIAN

Andalusien ist ein Alphabet aus Werden und Vergehen. Die Erinnerung an die Vergangenheit schöpft diese Augenblicke einer Seins-Form, die jederzeit werden. Sind. Geschichte und ihre Geschichten. Historia e historias. Unverhoffte Begegnungen. Von den Meeren, die aufeinanderprallen und den Völkern, die sich miteinander anlegen. Bis heute. Gibraltar, beispielsweise. Die Enge, die Hoffnungsfurt. Vida y muerte. Auch das ist Andalusien: Leben und Tod.

Manchmal sind Worte Stolpersteine. Bisweilen reicht der Bedeutungshof eines Wortes, um Ort zu werden. Oder umgekehrt. Tod ist eines dieser W:orte. Das Wort nimmt dich an die Hand, als ginge es mit Dir durch diese Welt. Von klein auf. In der deutschen Sprache männlich, im Spanischen weiblich. Der Tod. La muerte. Ob das schon der Beginn einer langen Erzählung ist? Eine Erzählung, die irgendwo beginnt und irgendwo aufhört. Ein Erzählung vom N:irgendwo ins N:irgendwo? Auch einer andalusischen?

Lassen Sie mich noch etwas verraten, um Sie an meinen Träumen teilhaben zu lassen. Von Juan Ramón Jiménez, dem andalusischen Nobelpreisträger für Literatur, aus dem kleinen Städtchen Moguer in der Provinz Huelva wird erzählt, dass er seine Bücher in jungen Jahren mit Juan Ramón Jiménez signiert habe. Später dann mit JRJ, um seine Werke gegen Ende seines Lebens ausschließlich mit andaluz universal zu widmen. Muss ich das übersetzen? Ich glaube, das erübrigt sich. Universalität braucht nicht von einer Sprache in die andere geschmuggelt zu werden, gleichwohl ist sie immer wieder von Neuem zu erfinden und zu gestalten. Auch das ist Andalucía.